Was war eigentlich so faszinierend an Karl May? Es gab doch auch andere Autoren, die abenteuerliche Geschichten erzählten, Spannendes, Fesselndes, Romantisches, Lustiges, das man im Bücherfressalter zwischen 11 und 15 gierig verschlungen hat.
Aber Karl May hatte einen eigenen Ton, und es waren überaus edle Menschen, denen man begegnete. Menschen, wie sie nicht vorkamen im realen Leben, das sich im allmählichen Heranwachsen als verwirrend, nicht besonders attraktiv, nicht besonders edel und weder als abenteuerlich noch sonst irgendwie erhebend offenbarte.
Wie begeisternd war da der „edle Wilde“ Winnetou! Frei von allem Zivilisationsschrott, von allen Bedingtheiten des „zivilisierten“ Menschen, von dem moralischen und emotionalen Gemischtwarenladen, als den man sein eigenes unfertiges pubertierendes Ich und die Welt um sich herum wahrnahm. Ja, das war es! Ein freier, edler, kühner Geist, der den edlen Christusmythos der Kinderjahre ablöste und an seine Stelle trat. Und es mußte ein „Wilder“ sein – nur in ihm, diesem „freien“ Wesen, das nicht wie man selbst in einer fest definierten Zivilisation lebte, war – aus der noch unklaren, unreifen Erkenntnis der eigenen Bedingtheit - das absolut Edle, Gute und Schöne vorstellbar.
Dass Karl May diesen Übermenschen Winnetou sterben ließ, war logisch, und nie wieder habe ich bei einem Buch so viele Tränen vergossen wie bei Winnetous Tod. Der Begeisterung für die edle, heroische Welt Karl Mays ist nie mehr etwas Vergleichbares gefolgt. Das Lesen wurde erwachsener, die Lesewelt wurde realistischer, sie näherte sich, über Storm, Sigrid Undset, Thomas Mann und viele andere immer mehr dem „wirklichen“ Leben an.
Aber ich kann es immer noch verstehen, wenn – wie kürzlich in einer Radiodiskussion zu Karl May –ein enthusiastischer alter Herr sich hinreißen ließ, in süddeutschem Dialekt und euphorisch beschwingter Suada die Ethik, den Humor, die Spannung und die Kunst Karl Mays über den grünen Klee zu loben und zu preisen.
Danke, Karl May!
Dienstag, 3. April 2012
Mittwoch, 28. März 2012
Wie edel sind Sie, Frau Adler?
Offener Brief an Jutta Adler, Geschäftsführerin der Berliner Konzertdirektion Adler
Sehr geehrte Frau Adler!
Vor etwa drei Wochen habe ich Sie in einem persönlichen Brief gebeten, bei Konzerten, die von Ihrer Konzertdirektion veranstaltet werden, den Begleitpersonen von schwerbehinderten Rollstuhlfahrern eine Freikarte oder zumindest eine spürbare Ermäßigung zu gewähren – eine Freundlichkeit, zu der Sie als Privatfirma zwar nicht, wie staatliche Institutionen, durch die Gesetzgebung verpflichtet sind, die aber allgemein auch im privaten Wirtschaftssektor üblich ist.
Sie erwiderten diesen meinen Brief mit dem Anruf einer Mitarbeiterin Ihrer Konzertdirektion, die mich auf das „karitative Engagement“ von Adler in Form der Vergabe von Frei- oder ermäßigten Karten an karitative Einrichtungen aufmerksam machte und des weiteren behauptete, die in Frage stehenden Plätze seien „de facto“ ermäßigt, nämlich „eigentlich“ viel teurer, und dass es für mich aber anscheinend „netter“ sei, von einer Ermäßigung zu hören, die ja eigentlich auch vorhanden sei, nur eben nicht ausformuliert. Diese Ausführungen erwiesen sie sich bei einer genaueren Prüfung der entsprechenden Platzkategorien und der für das in Frage stehende Konzert ausgewiesenen Kartenpreise als falsch und widersprachen ohnehin der Auskunft des Mitarbeiters am Kartenschalter, der schlicht und unmissverständlich gesagt hatte, dass „Adler keinerlei Ermäßigungen für Rollstuhlfahrer und deren Begleitung“ gibt.
Ich schrieb Ihnen daraufhin ein zweitesmal und verwies zum einen darauf, dass Ihr karitatives Engagement in Hinblick auf Freikarten zwar erfreulich sei, dem individuellen Rollstuhlfahrer jedoch keinerlei Vorteile brächte, zum anderen, dass die Behauptung einer „eigentlich“ vorhandenen Preisermäßigung nicht den Tatsachen entspricht. Ferner äußerte ich noch einmal meine Bitte um einen deutlichen Preisnachlass für Schwerbehinderte und/oder deren Begleitung.
Auf diesen Brief haben Sie nicht geantwortet.
Ich finde das traurig und beschämend.
Es ist keineswegs eine Lappalie, wenn der führende Konzertveranstalter von Berlin den wenigen schwerbehinderten Rollstuhlfahrern, die in klassische Konzerte gehen möchten, nicht entgegenkommt; wenn er sich also ganz bewußt aus einer humanen Praxis ausklinkt, die generell in Deutschland (und der gesamten zivilisierten Welt) erfreulicherweise zur Norm geworden ist. Das soziale Klima einer Stadt wird nicht zuletzt durch solche Dinge bestimmt.
Ich frage mich, warum sich Adler auf die Bitte um eine Änderung dieser Preisgestaltung, die im wirtschaftlichen Gesamtvolumen einer gutverdienenden Agentur vollkommen marginal sein dürfte, in Schweigen hüllt.
Oder geht es Adler so schlecht, dass man sich Freikarten für Rollstuhlfahrerbegleitungen nicht leisten kann? Oder aber – und dieser Schluss drängt sich auf - sind Schwerbehinderte in den Konzerten von Adler nicht erwünscht, weil sie das gutbürgerliche Gesamtbild stören könnten?
Ich möchte abschließend noch bemerken, dass ich in dreißig Jahren mit einer schwerbehinderten Tochter, die mich nach Irland, Südafrika, Stuttgart, Regensburg und München führten, mit Berlins Konzertagentur Adler zum erstenmal etwas Derartiges erlebt habe.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Lore Brüggemann
Sehr geehrte Frau Adler!
Vor etwa drei Wochen habe ich Sie in einem persönlichen Brief gebeten, bei Konzerten, die von Ihrer Konzertdirektion veranstaltet werden, den Begleitpersonen von schwerbehinderten Rollstuhlfahrern eine Freikarte oder zumindest eine spürbare Ermäßigung zu gewähren – eine Freundlichkeit, zu der Sie als Privatfirma zwar nicht, wie staatliche Institutionen, durch die Gesetzgebung verpflichtet sind, die aber allgemein auch im privaten Wirtschaftssektor üblich ist.
Sie erwiderten diesen meinen Brief mit dem Anruf einer Mitarbeiterin Ihrer Konzertdirektion, die mich auf das „karitative Engagement“ von Adler in Form der Vergabe von Frei- oder ermäßigten Karten an karitative Einrichtungen aufmerksam machte und des weiteren behauptete, die in Frage stehenden Plätze seien „de facto“ ermäßigt, nämlich „eigentlich“ viel teurer, und dass es für mich aber anscheinend „netter“ sei, von einer Ermäßigung zu hören, die ja eigentlich auch vorhanden sei, nur eben nicht ausformuliert. Diese Ausführungen erwiesen sie sich bei einer genaueren Prüfung der entsprechenden Platzkategorien und der für das in Frage stehende Konzert ausgewiesenen Kartenpreise als falsch und widersprachen ohnehin der Auskunft des Mitarbeiters am Kartenschalter, der schlicht und unmissverständlich gesagt hatte, dass „Adler keinerlei Ermäßigungen für Rollstuhlfahrer und deren Begleitung“ gibt.
Ich schrieb Ihnen daraufhin ein zweitesmal und verwies zum einen darauf, dass Ihr karitatives Engagement in Hinblick auf Freikarten zwar erfreulich sei, dem individuellen Rollstuhlfahrer jedoch keinerlei Vorteile brächte, zum anderen, dass die Behauptung einer „eigentlich“ vorhandenen Preisermäßigung nicht den Tatsachen entspricht. Ferner äußerte ich noch einmal meine Bitte um einen deutlichen Preisnachlass für Schwerbehinderte und/oder deren Begleitung.
Auf diesen Brief haben Sie nicht geantwortet.
Ich finde das traurig und beschämend.
Es ist keineswegs eine Lappalie, wenn der führende Konzertveranstalter von Berlin den wenigen schwerbehinderten Rollstuhlfahrern, die in klassische Konzerte gehen möchten, nicht entgegenkommt; wenn er sich also ganz bewußt aus einer humanen Praxis ausklinkt, die generell in Deutschland (und der gesamten zivilisierten Welt) erfreulicherweise zur Norm geworden ist. Das soziale Klima einer Stadt wird nicht zuletzt durch solche Dinge bestimmt.
Ich frage mich, warum sich Adler auf die Bitte um eine Änderung dieser Preisgestaltung, die im wirtschaftlichen Gesamtvolumen einer gutverdienenden Agentur vollkommen marginal sein dürfte, in Schweigen hüllt.
Oder geht es Adler so schlecht, dass man sich Freikarten für Rollstuhlfahrerbegleitungen nicht leisten kann? Oder aber – und dieser Schluss drängt sich auf - sind Schwerbehinderte in den Konzerten von Adler nicht erwünscht, weil sie das gutbürgerliche Gesamtbild stören könnten?
Ich möchte abschließend noch bemerken, dass ich in dreißig Jahren mit einer schwerbehinderten Tochter, die mich nach Irland, Südafrika, Stuttgart, Regensburg und München führten, mit Berlins Konzertagentur Adler zum erstenmal etwas Derartiges erlebt habe.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Lore Brüggemann
Donnerstag, 8. März 2012
Raunende Reaktionäre
Gestern stand in der SZ unter dem Titel Zerbrochene Harmonie eine kleine Besprechung zu dem Buch „Dissonanz und Harmonie in Romantik und Moderne“ von Werner Keil (Detmolder Musikwissenschaftler).
Was der Rezensent Michael Stallknecht zusammenfassend berichtet, klingt hochinteressant: Keil entwickelt aus dem Musikbegriff der Romantiker, die "die Musik erstmals zu den Künsten statt, wie seit den antiken Pythagoräern üblich, zu den mathematischen Wissenschaften" zählten, die Theorie, dass durch diesen kategorischen Wechsel Musik einen grundsätzlich anderen Stellenwert bekam; sie sollte nicht mehr "die mathematische Ordnung des Kosmos ausdrücken, sondern Gefühle ausdrücken, das Subjektive ... statt des Überindividuellen, das Vagierende sstatt des Ewigen, das Dissonante statt des Konsonanten. Damit aber verfalle die Musik zunehmend selbst dem Irrationalismus, triumphiere die fortschreitende Emanzipation der Dissonanz (Schönberg) über die noch bei Kepler affirmierte Harmonie der Welt." Vor diesem Hintergrund sieht Keil auch die Beschäftigung vieler Komponisten der beginnenden Moderne mit gnostischen Bewegungen wie der Theosophie als Rückkehr der Mathematik in Form ihrer eigenen Parodie.
Nun beläßt der Rezensent es aber nicht bei seiner Zusammenfassung der interessanten Thesen dieses Buches. Vielmehr stößt er sich ganz offenbar an der kritischen Haltung des Autors gegenüber der klassischen Moderne. Zwar muss er zugestehen, dass das alles „formgeschichtlich …kaum widerlegbar“ sei, aber er unterstellt Keil, dass er im Verlauf seines Buches zunehmend einem „irrationalen und …ziemlich reaktionärem Raunen“ verfalle.
Den Vorwurf der Irrationalität und argumentativen Schwäche müßte der Rezensent sich allerdings selbst machen, da für seine Behauptung des irrationalen Raunens jegliche argumentative Beweisführung fehlt. Nebenbei bemerkt, sind die Begriffe „irrational“ und „Raunen“, ebenso wie die Wörter „dumpf“, „Stammtisch“, „verdruckst“, „schwurbeln“ Totschlagbegriffe aus der Mottenkiste linksliberaler Journalisten, die immer dann geschwungen werden, wenn man keine anderen Argumente parat hat.
So werde ich mir dieses reaktionäre Buch gern kaufen, ebenso wie ein in der Rezension erwähntes Buch von Alex Ross mit dem schönen Titel "The rest is noise", das der Rezensent als befremdlich bezeichnet, weil es die moderne Musik als „zwielichte Angelegenheit“ darzustellen wagt.
Solange die seit Schönberg und Adorno unantastbare musikalische Moderne ein Tabu bleibt und ihre Kritiker pauschal, ohne dass man sich die Mühe einer argumentativen Auseinandersetzung machen würde, als „raunende Reaktionäre“ verunglimpft werden, rechne auch ich mich weiterhin gern zu den reaktionären Raunern (bzw. "Raunerinnen").
Was der Rezensent Michael Stallknecht zusammenfassend berichtet, klingt hochinteressant: Keil entwickelt aus dem Musikbegriff der Romantiker, die "die Musik erstmals zu den Künsten statt, wie seit den antiken Pythagoräern üblich, zu den mathematischen Wissenschaften" zählten, die Theorie, dass durch diesen kategorischen Wechsel Musik einen grundsätzlich anderen Stellenwert bekam; sie sollte nicht mehr "die mathematische Ordnung des Kosmos ausdrücken, sondern Gefühle ausdrücken, das Subjektive ... statt des Überindividuellen, das Vagierende sstatt des Ewigen, das Dissonante statt des Konsonanten. Damit aber verfalle die Musik zunehmend selbst dem Irrationalismus, triumphiere die fortschreitende Emanzipation der Dissonanz (Schönberg) über die noch bei Kepler affirmierte Harmonie der Welt." Vor diesem Hintergrund sieht Keil auch die Beschäftigung vieler Komponisten der beginnenden Moderne mit gnostischen Bewegungen wie der Theosophie als Rückkehr der Mathematik in Form ihrer eigenen Parodie.
Nun beläßt der Rezensent es aber nicht bei seiner Zusammenfassung der interessanten Thesen dieses Buches. Vielmehr stößt er sich ganz offenbar an der kritischen Haltung des Autors gegenüber der klassischen Moderne. Zwar muss er zugestehen, dass das alles „formgeschichtlich …kaum widerlegbar“ sei, aber er unterstellt Keil, dass er im Verlauf seines Buches zunehmend einem „irrationalen und …ziemlich reaktionärem Raunen“ verfalle.
Den Vorwurf der Irrationalität und argumentativen Schwäche müßte der Rezensent sich allerdings selbst machen, da für seine Behauptung des irrationalen Raunens jegliche argumentative Beweisführung fehlt. Nebenbei bemerkt, sind die Begriffe „irrational“ und „Raunen“, ebenso wie die Wörter „dumpf“, „Stammtisch“, „verdruckst“, „schwurbeln“ Totschlagbegriffe aus der Mottenkiste linksliberaler Journalisten, die immer dann geschwungen werden, wenn man keine anderen Argumente parat hat.
So werde ich mir dieses reaktionäre Buch gern kaufen, ebenso wie ein in der Rezension erwähntes Buch von Alex Ross mit dem schönen Titel "The rest is noise", das der Rezensent als befremdlich bezeichnet, weil es die moderne Musik als „zwielichte Angelegenheit“ darzustellen wagt.
Solange die seit Schönberg und Adorno unantastbare musikalische Moderne ein Tabu bleibt und ihre Kritiker pauschal, ohne dass man sich die Mühe einer argumentativen Auseinandersetzung machen würde, als „raunende Reaktionäre“ verunglimpft werden, rechne auch ich mich weiterhin gern zu den reaktionären Raunern (bzw. "Raunerinnen").
Freitag, 13. Januar 2012
Ist Carolyn Christov-Bakargiev ein Mann?
Letzten Sonntag gab die derzeitige Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev der Faz am Sonntag ein Interview.
Ich zitiere zunächst einige Kernaussagen des Interviews:
Alles ist politisch, absolut alles.
Es (das Symbolische) beruht auf der gedanklichen und praktischen Arbeit eines Feminismus, der das losgelöste, in sich ruhende Wissensganze aufbrechen wollte. Er hat auch das Widersprüchliche und Ungewisse zu verstehen versucht, die Möglichkeit, daß Gegensätze sich nicht ausschließen.
Es ist feministisch, die menschliche Existenz nur als Teil einer weiter gefassten Existenz zu sehen und sich Gedanken über den Blickpunkt eines Tiers oder Steins zu machen.
Wir werden für die Documenta Apfelsaft produzieren, ich habe Bäume dafür gepflanzt. Diese Documenta beruht auf einer Reihe präziser, bescheidener, unspektakulärer Gesten, Akte und Kunstwerke.
Es geht ….darum, wie jeder Einzelne sich in einem ästhetischen und daher politischen Sinne in der Welt engagieren kann.
…wenn man …einen schönen Topf Blumen mitten in eine Schlacht versetzen würde, dann würden sie – vielleicht! – zu kämpfen aufhören.
Für mich ist Verwirrung nichts Negatives, sondern ein ausgesprochen kreativer Bereich. Klarheit ist für mich etwas Gefährliches.
Alles ist intuitiv, jede Entscheidung. Intuition heißt, ohne Argumente handeln. Sie ist eine Frage des Engagements. Ich glaube nicht wirklich an statuiertes Wissen, an Erleuchtung vielleicht.
Ich lege einen Stein hin, sehen Sie, hier ist der Stein. Das ist das eine, und das andere ist die Herstellung der Möglichkeit von Erleuchtung.
Wenn man dieses wirre Geplauder auf eine Kernbotschaft eindampft, wäre es diese: Alles ist politisch, alles ist intuitiv, Klarheit ist gefährlich, es lebe die Ursuppe und der „Blickpunkt“ der Steine. Und all dies soll sein: FEMINISTISCH.
Angesichts eines solchen krassen Feminismusbildes – das Weibliche ist wirr, unklar, unlogisch, ein breiartiges Durcheinander halbphilosophischer Schlagworte, uralter soziologischer Hüte und unausgegorener Allumfassung – drängt sich der folgende Verdacht auf: C.B.B. ist ein verkleideter sexistischer männlicher Feminismushasser, der mit diesem Gerede den Feminismus nach Art eines Undercoveragenten desavouieren möchte.
Dass dieser verkleidete Feminist eine Katastrophe für die nächste documenta wäre, kann man allerdings nicht behaupten, denn der Kunstbetrieb hat sich ohnehin längst von allen nachvollziehbaren ästhetischen Kategorien verabschiedet; es geht ja schon seit Jahrzehnten nur noch um die aberwitzigste Verrücktheit, die man als „noch nicht dagewesen“ vermarkten kann.
Alles ist zwar nicht politisch, aber alles ist Kunst, wenn sich ein Händler findet, der es vermarktet.
Ich zitiere zunächst einige Kernaussagen des Interviews:
Alles ist politisch, absolut alles.
Es (das Symbolische) beruht auf der gedanklichen und praktischen Arbeit eines Feminismus, der das losgelöste, in sich ruhende Wissensganze aufbrechen wollte. Er hat auch das Widersprüchliche und Ungewisse zu verstehen versucht, die Möglichkeit, daß Gegensätze sich nicht ausschließen.
Es ist feministisch, die menschliche Existenz nur als Teil einer weiter gefassten Existenz zu sehen und sich Gedanken über den Blickpunkt eines Tiers oder Steins zu machen.
Wir werden für die Documenta Apfelsaft produzieren, ich habe Bäume dafür gepflanzt. Diese Documenta beruht auf einer Reihe präziser, bescheidener, unspektakulärer Gesten, Akte und Kunstwerke.
Es geht ….darum, wie jeder Einzelne sich in einem ästhetischen und daher politischen Sinne in der Welt engagieren kann.
…wenn man …einen schönen Topf Blumen mitten in eine Schlacht versetzen würde, dann würden sie – vielleicht! – zu kämpfen aufhören.
Für mich ist Verwirrung nichts Negatives, sondern ein ausgesprochen kreativer Bereich. Klarheit ist für mich etwas Gefährliches.
Alles ist intuitiv, jede Entscheidung. Intuition heißt, ohne Argumente handeln. Sie ist eine Frage des Engagements. Ich glaube nicht wirklich an statuiertes Wissen, an Erleuchtung vielleicht.
Ich lege einen Stein hin, sehen Sie, hier ist der Stein. Das ist das eine, und das andere ist die Herstellung der Möglichkeit von Erleuchtung.
Wenn man dieses wirre Geplauder auf eine Kernbotschaft eindampft, wäre es diese: Alles ist politisch, alles ist intuitiv, Klarheit ist gefährlich, es lebe die Ursuppe und der „Blickpunkt“ der Steine. Und all dies soll sein: FEMINISTISCH.
Angesichts eines solchen krassen Feminismusbildes – das Weibliche ist wirr, unklar, unlogisch, ein breiartiges Durcheinander halbphilosophischer Schlagworte, uralter soziologischer Hüte und unausgegorener Allumfassung – drängt sich der folgende Verdacht auf: C.B.B. ist ein verkleideter sexistischer männlicher Feminismushasser, der mit diesem Gerede den Feminismus nach Art eines Undercoveragenten desavouieren möchte.
Dass dieser verkleidete Feminist eine Katastrophe für die nächste documenta wäre, kann man allerdings nicht behaupten, denn der Kunstbetrieb hat sich ohnehin längst von allen nachvollziehbaren ästhetischen Kategorien verabschiedet; es geht ja schon seit Jahrzehnten nur noch um die aberwitzigste Verrücktheit, die man als „noch nicht dagewesen“ vermarkten kann.
Alles ist zwar nicht politisch, aber alles ist Kunst, wenn sich ein Händler findet, der es vermarktet.
Dienstag, 8. März 2011
Parallel erzählen
"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen."
Und man hört ihm auch gern zu? Das war einmal so, in den Zeiten, als es noch kein Fernsehen, kein Radio und keinen Massentourismus gab.
Da es aber diese schönen Dinge nun einmal gibt, ist jeder, dem man etwas erzählen möchte, schon überall gewesen. Und der Erzähler, anfangs naiv durchdrungen von der Einzigartigkeit seiner Erlebnisse - vom zumindest individuell als singulär Erlebten, läßt die Flügel seines spontanen Mitteilungsbedürfnisses schnell hängen vor der banalisierenden "Ich auch"-Mitteilsamkeit seines Zuhörers, die das Erlebnis, das gerade erzählt werden sollte, nur als Stichwort für die eigene rednerische Selbstentfaltung nutzt.
Oh bitte nein, möchte er wie der Mann aus Botho Strauß' "Paare, Passanten" ausrufen, erzählen Sie mir jetzt nicht dasselbe von Ihnen und auch nicht etwas annähernd Ähnliches, das Sie einmal erleben mußten... Schweigen Sie und verkneifen Sie sich die Parallele!
Und er merkt wieder einmal, daß die Welt letztlich nur das ist, was jeder selbst in seinem eigenen kleinen Kreis erlebt.
Einzigartigkeit des Erlebens wird nur denen zugestanden, die aufgrund einer erworbenen oder ererbten Prominenz ohnehin Einzigartigkeits-Status genießen; die Erlebnisse dieser "Prominenten" werden gierig als Besonderheiten von der zugehörigen Presse vermarktet und entsprechend rezipiert - und sind als veröffentlichtes Leben sofort der Einzigartigkeit beraubt, um deretwillen sie bewundert werden.
So sollte man sorgsam umgehen mit dem Reden über sich. Umhüllen sollte man seine kleinen persönlichen Erlebnisperlen mit dem Mantel fürsorglichen Schweigens, sie schützen vor der Banalität des "Ich auch", damit sie ihren Glanz und ihre Frische bewahren im unantastbaren Raum der persönlichen Erinnerung.
Und man hört ihm auch gern zu? Das war einmal so, in den Zeiten, als es noch kein Fernsehen, kein Radio und keinen Massentourismus gab.
Da es aber diese schönen Dinge nun einmal gibt, ist jeder, dem man etwas erzählen möchte, schon überall gewesen. Und der Erzähler, anfangs naiv durchdrungen von der Einzigartigkeit seiner Erlebnisse - vom zumindest individuell als singulär Erlebten, läßt die Flügel seines spontanen Mitteilungsbedürfnisses schnell hängen vor der banalisierenden "Ich auch"-Mitteilsamkeit seines Zuhörers, die das Erlebnis, das gerade erzählt werden sollte, nur als Stichwort für die eigene rednerische Selbstentfaltung nutzt.
Oh bitte nein, möchte er wie der Mann aus Botho Strauß' "Paare, Passanten" ausrufen, erzählen Sie mir jetzt nicht dasselbe von Ihnen und auch nicht etwas annähernd Ähnliches, das Sie einmal erleben mußten... Schweigen Sie und verkneifen Sie sich die Parallele!
Und er merkt wieder einmal, daß die Welt letztlich nur das ist, was jeder selbst in seinem eigenen kleinen Kreis erlebt.
Einzigartigkeit des Erlebens wird nur denen zugestanden, die aufgrund einer erworbenen oder ererbten Prominenz ohnehin Einzigartigkeits-Status genießen; die Erlebnisse dieser "Prominenten" werden gierig als Besonderheiten von der zugehörigen Presse vermarktet und entsprechend rezipiert - und sind als veröffentlichtes Leben sofort der Einzigartigkeit beraubt, um deretwillen sie bewundert werden.
So sollte man sorgsam umgehen mit dem Reden über sich. Umhüllen sollte man seine kleinen persönlichen Erlebnisperlen mit dem Mantel fürsorglichen Schweigens, sie schützen vor der Banalität des "Ich auch", damit sie ihren Glanz und ihre Frische bewahren im unantastbaren Raum der persönlichen Erinnerung.
Dienstag, 22. Februar 2011
Guttenberg for president
Ich plädiere hiermit dafür, daß Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg Christian Wulff ablöst und zum neuen Bundespräsidenten gekürt wird. Ein Mann, der seinen Doktortitel durch Betrug erschwindelt hat, ist der ideale Repräsentant eines Landes, dessen Spitzenpolitiker das Vergehen unseres Verteidígungsministers folgendermaßen kommentieren (alle Zitate aus den SZ-Ausgaben der letzten Tage):
Angela Merkel: "Ich kümmere mich um die Frage: Wird er seinen Aufgaben als Verteidigungsminister gerecht? Und ich sage: ja. ... Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen."
Hierzu gibt es einen ausgezeichneten Kommentar in der SZ (22.02.2011) von Nico Fried, der zu Recht darauf hinweist, daß "Merkels Trennung des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg vom Wissenschaftler Karl-Theodor zu Guttenberg...ihrer Klugheit unwürdig" sei. "Die Verbindung zwischen der Doktorarbeit und der Ministerarbeit ist die Integrität Guttenbergs. Diese Verbindung ist so unübersehbar wie eine geschlossene Bahnschranke und so fest wie ein Achterknoten. Wenn Merkel sie ignoriert, verrät die Kanzlerin schlicht den politischen Faktor der persönlichen Glaubwürdigkeit, dem sie selbst ihre Wiederwahl mit zu verdanken hat."
Horst Seehofer: "Fehler können passieren, sie gehören zur Laufbahn eines Politikers. Es gibt keine Spitzenkarriere ohne Narben und Verwundungen." (Des weiteren führte Herr Seehofer in diesem Zusammenhang aus, daß auch er - Seehofer - Skandale überstanden habe.
Im Klartext: "Willkommen im Klub, lieber KT. Du hast bewiesen, daß du ein Schwein und somit ein fähiger Politiker bist."
Stefan Mappus (baden-württembergischer Ministerpräsident, CDU): "Wir haben in diesem Land - und in Afghanistan - wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob die Fußnoten einer Doktorarbeit richtig gesetzt sind."
Kommentar erübrigt sich.
Peter Altmaier (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und Präsident der überparteilichen Europa-Union in Deutschland) verkündet, daß "die CDU/CSU-Fraktion in großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers in diesen beiden Jahren steht. Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssen getrennt werden, um die Universität Bayreuth nicht unter Druck zu setzen."
Besonders dreist. Dieser Mensch glaubt also allen Ernstes, er oder irgendein anderer seiner Politbrüder könne eine unabhängige wissenschaftliche Institution unter Druck setzen. Wie großzügig, daß er darauf besteht, daß man dies doch netterweise nicht tun solle.
Angela Merkel: "Ich kümmere mich um die Frage: Wird er seinen Aufgaben als Verteidigungsminister gerecht? Und ich sage: ja. ... Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen."
Hierzu gibt es einen ausgezeichneten Kommentar in der SZ (22.02.2011) von Nico Fried, der zu Recht darauf hinweist, daß "Merkels Trennung des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg vom Wissenschaftler Karl-Theodor zu Guttenberg...ihrer Klugheit unwürdig" sei. "Die Verbindung zwischen der Doktorarbeit und der Ministerarbeit ist die Integrität Guttenbergs. Diese Verbindung ist so unübersehbar wie eine geschlossene Bahnschranke und so fest wie ein Achterknoten. Wenn Merkel sie ignoriert, verrät die Kanzlerin schlicht den politischen Faktor der persönlichen Glaubwürdigkeit, dem sie selbst ihre Wiederwahl mit zu verdanken hat."
Horst Seehofer: "Fehler können passieren, sie gehören zur Laufbahn eines Politikers. Es gibt keine Spitzenkarriere ohne Narben und Verwundungen." (Des weiteren führte Herr Seehofer in diesem Zusammenhang aus, daß auch er - Seehofer - Skandale überstanden habe.
Im Klartext: "Willkommen im Klub, lieber KT. Du hast bewiesen, daß du ein Schwein und somit ein fähiger Politiker bist."
Stefan Mappus (baden-württembergischer Ministerpräsident, CDU): "Wir haben in diesem Land - und in Afghanistan - wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob die Fußnoten einer Doktorarbeit richtig gesetzt sind."
Kommentar erübrigt sich.
Peter Altmaier (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und Präsident der überparteilichen Europa-Union in Deutschland) verkündet, daß "die CDU/CSU-Fraktion in großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers in diesen beiden Jahren steht. Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssen getrennt werden, um die Universität Bayreuth nicht unter Druck zu setzen."
Besonders dreist. Dieser Mensch glaubt also allen Ernstes, er oder irgendein anderer seiner Politbrüder könne eine unabhängige wissenschaftliche Institution unter Druck setzen. Wie großzügig, daß er darauf besteht, daß man dies doch netterweise nicht tun solle.
Zum Schluß noch ein Sahnehäubchen aus der oberfränkischen Provinz Kulmbach, der Heimat unseres feinen Freiherrn, das uns Christine Flauder, stellvertretende Kulmbacher Landrätin, übrigens SPD, geschenkt hat:
"Er will es halt immer besonders gut machen,
dann passiert so was eben."
Dienstag, 21. Dezember 2010
PID und Abtreibung
Seit Monaten tobt ein erbitterter Kampf um die Zulassung der sogenannten PID, der Präimplantationsdiagnostik. Es geht um die gesetzliche Erlaubnis, bei der künstlichen Befruchtung erbkranke Embyonen auszusortieren und zu vernichten, damit die betroffenen Eltern die Chance auf ein gesundes Kind bekommen.
Von rechts bis links gibt es entschiedene Gegner, und man argumentiert beispielsweise so:
"Jedes menschliche Leben enthält an sich und in sich bereits seinen vollen, unverfügbaren und eigenständigen Wert", oder: "eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheidet oder andere darüber entscheiden läßt, welches Leben gelebt werden darf und welches nicht, verliert ihre Menschlichkeit".
Schöne Sätze.
Ich frage mich, warum diese schönen Sätze nicht gültig sein sollen bei der in Deutschland seit Jahrzehnten gesetzlich legitimierten Abtreibungspraxis , durch die Jahr für Jahr hundertausende gesunder Föten, die ebenso wie die PID-Embryonen ihren "vollen, unverfügbaren und eigenständigen Wert" haben, getötet werden. Und zwar nicht etwa, weil sie erbkrank sind, sondern weil sie angeblich nicht in eine Lebensplanung hineinpassen.
Wenn Politikerinnen wie Andrea Nahles und Angela Merkel, die beide Gegnerinnen der PID sind, ehrlich wären, müßten sie zugeben, daß diese unsere Gesellschaft, die Jahr für Jahr die Tötung gesunden Lebens zuläßt, in der Tat schon längst ihre Menschlichkeit verloren hat.
Solange bei der Diskussion um die Zulassung der PID die Abtreibung ausgeblendet wird, solange ist diese Diskussion schizophren und das Papier nicht wert, auf dem sie dokumentiert wird.
Von rechts bis links gibt es entschiedene Gegner, und man argumentiert beispielsweise so:
"Jedes menschliche Leben enthält an sich und in sich bereits seinen vollen, unverfügbaren und eigenständigen Wert", oder: "eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheidet oder andere darüber entscheiden läßt, welches Leben gelebt werden darf und welches nicht, verliert ihre Menschlichkeit".
Schöne Sätze.
Ich frage mich, warum diese schönen Sätze nicht gültig sein sollen bei der in Deutschland seit Jahrzehnten gesetzlich legitimierten Abtreibungspraxis , durch die Jahr für Jahr hundertausende gesunder Föten, die ebenso wie die PID-Embryonen ihren "vollen, unverfügbaren und eigenständigen Wert" haben, getötet werden. Und zwar nicht etwa, weil sie erbkrank sind, sondern weil sie angeblich nicht in eine Lebensplanung hineinpassen.
Wenn Politikerinnen wie Andrea Nahles und Angela Merkel, die beide Gegnerinnen der PID sind, ehrlich wären, müßten sie zugeben, daß diese unsere Gesellschaft, die Jahr für Jahr die Tötung gesunden Lebens zuläßt, in der Tat schon längst ihre Menschlichkeit verloren hat.
Solange bei der Diskussion um die Zulassung der PID die Abtreibung ausgeblendet wird, solange ist diese Diskussion schizophren und das Papier nicht wert, auf dem sie dokumentiert wird.
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