Montag, 15. Juni 2009

Mediziner-Tüv im Internet

Die Aok - und mit ihr weitere Krankenkassen - wollen eine Ärztebeurteilung im Internet einführen.
Das ist doch mal eine gute Sache. Jeder Arzt wird benotet, und dann weiß der Laie, wo er in Zukunft beispielsweise seine Zähne ziehen und seine Hämmorrhoiden beseitigen lassen kann, ohne daß fatale Mißgeschicke in Form von Zahnfäule, Stuhlverhaltung und Krebs sein Leben bedrohen.
Eine geheime Studie, die in einem breit angelegten Testversuch bereits eine große Gruppe von Patienten befragt hat, ist zu überzeugenden Ergebnissen gelangt.
Hier einige Auszüge aus den vertraulichen Protokollen, die uns durch einen Zufall in die Hände gespielt worden sind.

1. Zeugnis, Aussage von Frau Maier, wohnhaft in Feldafing: Ja mei, der Doktor Wiesenwäldler hat mei Schwiegertochter ja unglaublich hängen lassen, die hot a Windpockeninfektion in der Familie gehobt, und der Dokter hot's net erkannt, und jetzat wern mei Enkelinnen und mei Schwiegertochter in der Kita total gemobbt, weil's do alle angsteckt hobn mit dera Windpocken! Naa, zu dem Wiesenwäldler, do gehn mir nedmer hi, ist kloar. So a Fehldiagnos! Sauerei, dös!

2. Zeugnis, Aussage einer Frau Edelhuber (die die Freundin der Sprechstundenhilfe des Arztes Wiesenwäldler ist): Also i bin total zfridn mit dem Doktor Wiesenwäldler. Er verschreibt mir olles, wos i habn will, und er is immer so nett, umarmt mich und sagt, wir schaffen des scho. Also, des is so a schöne Ermutigung, da fühl i mi schon immer fast ganz gesund, und er macht auch so viel alternative Methoden, des is ja ganz umstritten bei die Kassen, aber es hilft echt super. Also wenn's nach mir geht, der kriagt bei mir die volle Punktzahl. Superarzt und Supermensch!

3. Zeugnis, Langzeitarbeitsloser: I find, der Doktor Wiesenwäldler hat's immer noch verdammt gut, schreibt a Rezept und kriegt 20 €. Wenn i was schreib, krieg i gar nix, höchstens a Lacher. Behandeln tut er mi ned, der sagt mir doch glatt ins Gesicht, i soll arbeiten, und wann i dös ned tu, kann i aa ned gsund wern. Also, dös is a Eingriff in mei freie Persönlichkeitsentfaltung, die ich ned tolerieren ko. Der kriagt von mir die rote Karte, aber hallo! Der hod kei Einfühlungsvermögen, der Wiesenwäldler, dös is a unsensibler Geldsack, wann's mi frogn.

4. Zeugnis einer 90-Jährigen: Ein sehr einsichtiger Arzt, der Herr Doktor Wiesenwäldler. Allerdings ein bißchen stur; er wollte mir doch erst nicht mein Rohypnol und mein Lormetazepam verschreiben, das ich ja schließlich schon seit Jahren zum Schlafen nehme. Hat es aber nach meinem energischen Protest - ich mußte nur ein bißchen mit dem Stock drohen - eingesehen und frißt mir jetzt sozusagen aus der Hand. Ist zwar noch ein rechter Springinsfeld, der Doktor Wiesenwäldler mit seinen fünfzig Jährchen, aber durchaus lernfähig. Reizender Mensch, gut erzogen, manchmal ein wenig kurz angebunden, aber - und das ist eben so erstaunlich - einsichtig. Werde ihm die Höchstnote geben.

5. Zeugnis einer Sprechstundenhilfe aus einer Schönheitschirurgenpraxis über den Arzt eines benachbarten Konkurrenzladens, Doktor Udo Glattleder: Nee, nee, der Udo Glattleder verdient seine Approbation nicht. Extrem, was der sich leistet. Kunstfehler am laufenden Band, aber hinterher wird alles - ha,ha - "schön" geredet. Noch sind ja die Promis bei ihm, aber die werden sich umgucken, wenn sie sich nach ihren Liftings im Spiegel nicht mehr wiedererkennen. Schiefe Nasen sind ja noch das wenigste, er schafft es auch, die Augen an die Schläfenseite zu verschieben und die Haut zu einem gruseligen Dauergrinsen zu spannen. Also, meiner Meinung nach - und ich kenn mich ja schließlich ein bißchen aus - ist das kein Schönheitschirurg, sondern ein Mann mit nem Riesenkomplex, der schöne Frauen nicht ertragen kann.

6. Zeugnis einer Patientin des Schönheitschirurgen Udo Glattleder: Mein Gott, Meister Udo hat wieder ein Wunder bewirkt! Ich blicke in den Spiegel, und ich sehe die junge strahlende Schönheit, die ich eigentlich immer war! Zugegeben, das Lachen fällt etwas schwerer, und die Augenlider lassen sich nicht ganz schließen, aber das sind doch peanuts im Vergleich zu dem fan-tastischen Gesamteindruck. Hans-Dieter hat mir sofort eine Reise nach Paris versprochen, wo wir uns neu einkleiden, und Udo wird auch einen Abend bei uns sein. Freu mich drauf, so ein zauberhafter Mann! ER bekommt natürlich die Bestnote mit Sternchen! Hach!

Die Kommentare der AOK zu diesem geheimen Vorlauf-Screening lassen sich zusammenfassen in dem Resumee, daß das Klassenziel erreicht sei; die Verwirrung unter den Patienten werde durch die gegensätzlichen Beurteilungen so groß werden, daß insgesamt die Arztbesuche in den nächsten Monaten stark rückläufig sein würden. "Des ist ja des", sagte ein Erfinder des Konzepts, das sei beabsichtigt - man stelle sich nur vor, wie viele Menschen hinfort nicht mehr zum Arzt gehen würden! Ein Kostenersparnisfaktor, den es so nie gegeben habe!

Nach diesem erfreulichen Resumee verlagerte sich die Besprechung des Testversuchs in die nächste Bar, und man feierte angemessen bis zum nächsten Morgen, denn Gelder für solche wohlverdienten Outings werden in Zukunft reichlich vorhanden sein.

Mittwoch, 29. April 2009

Ad astra

Während Simon Solbergs "Faust", einer Hausproduktion des Münchner Volkstheaters, die anfangs so klare Luft der Befreiung vom Goethe-Text bald ausgeht...
(Egbert Tholl, SZ 25.04.09 in einer Besprechung des "Radikal Jung"-Theaterfestivals, Hervorhebung von mir)

"Unsere 40 Millionen Kunden haben 85 Millionen Gratis-SMS verschickt. Das ist ein Rekord. Es übersteigt deutlich die Zahl vom Neujahrstag 2009."
(Dirk Wende, Unternehmenssprecher T-Mobile, über den Erfolg des Wiedergutmachungsangebots der T-Mobile für einen Netzausfall, bei dem die Kunden einen Sonntag lang kostenlos SMS verschicken durften.)

Wagner: Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
Faust: O ja, bis an die Sterne weit!
(Goethes "Faust I")

Mittwoch, 11. Februar 2009

Judith Butler und ihre Fans: Wie tolerant sind Intellektuelle?

Riesige Pilgerscharen warteten ... im Foyer ... der Freien Universität Berlin. Theoriefreaks, studentisches und poststudentisches Publikum, Butler-Look-Alikes, gemischtgeschlechtliche Gender-Performer... Eine Mischung aus gespannter Aufmerksamkeit, Party-Atmosphäre und Großereignis durchwehte den Raum. Die Rhetorik-Professorin aus Berkeley, ein Star der zeitgenössischen Philosophie, hielt die zweite "Hegel-Lecture" des "Dahlem Humanities Center", das vor zwei Jahren im Zug der Exzellenzinitiative gegründet wurde.Im überfüllten Audimax - in vier weitere Hörsäle wurde per Video übertragen - hatten es die Einführenden nicht leicht: Ursula Lehmkuhl, Vizepräsidentin der FU, wurde schlichtweg ausgelacht, als das Reizwort "Exzellenzuniversität" zum ersten Mal fiel, die Ausführung der FU-Erfolgsstory ging in Buh-Rufen unter. Ein Hauch von Revolte breitete sich aus - wann waren diese Räume wohl zuletzt so zum Bersten gefüllt? - als Joachim Küpper, Sprecher des Dahlem Humanities Center, zu einer zweiten Ruhmrede anhob. Dieses Publikum wollte weder vom "Pathos der Freiheit" noch von den Leistungen der Universität etwas hören, es wollte seinen Star, und zwar sofort... (SZ vom 10. Februar 2009)

Ich fühlte mich bei der Lektüre dieses Berichts an die Studentenrevolte der ausgehenden 60er erinnert, die ich - leider - in Marburg miterleben mußte: die gleiche arrogante Unverschämtheit, mit der damals Professoren mundtot gemacht wurden, die gleiche latent gewaltbereite Ungehobeltheit, der gleiche Hype um Pseudogrößen, um sogenannte "Stars" der intellektuellen "Szene" (kann es überhaupt so etwas geben, wenn es um Wissenschaft und Wahrheit geht: "Stars"? Stars -Sterne - pflegen zu blenden, und das ist weder der Logik noch der Wahrheitsfindung zuträglich, ebensowenig wie ein Freund der Wissenschaft zugleich der "Fan" - d.h. der fanatische Verehrer eines wie auch immer gearteten Wissenschaft-Stars - sein kann.)

Aber letztlich nicht verwunderlich, daß es gerade solche "Fans" - im Klartext: Wissenschaftsmoden nachbetende Halbintelligenzen - waren, die sich derartig aufführten, und doppelt und dreifach nicht erstaunlich, daß es Jünger von Judith Butler waren. Denn die Lizenz zum individuellen Sich-daneben-Benehmen schwirrt seit der Romantik durch die unreifen Köpfe unserer Intellektuellen, und Judith Butlers Theorien sind nichts anderes als sprachlich verklausulierte und modisch aufgeputzte Versionen unausgegorener romantischer Ideen von der beliebigen Formbarkeit der Realität durch das Individuum, der unendlichen Wandelbarkeit des Ich und der unbegrenzten Verfügbarkeit alles Wirklichen für den frei umhervagabundierenden romantischen Geist.

Für eine feministisch orientierte Gender-Theoretikerin mag es ja naheliegend sein, daß sie die biologische Tatsache der Aufteilung der Menschheit in zwei Geschlechter bezweifelt und lieber von der sprachlichen "Performance" abhängig machen möchte, aber es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, daß unser Geschlecht durch die Beschaffenheit unserer Chromosomen und nicht durch sprachliche Vereinbarungen festgelegt wird. Ebenso darf der Erkenntnisgewinn des "Frame"-Begriffs bezweifelt werden; das ist doch einfach nur ein schicker Name für den schon immer von denkenden und kommunizierenden Menschen geübten Vorgang des Analysierens, Beschreibens und Publizierens.Vollends trivial - um das hier auch noch kurz loszuwerden - erscheint mir außerdem Butlers Berufung auf Hegels Definition des Ich als "nicht völlig festgelegte, nicht völlig umgrenzte Entität". Das heißt, eigentlich ist hier Hegel schon trivial, denn diese Definition des Ich beschreibt einfach nur etwas Lebendiges; alles, was lebt, ist nunmal nicht "völlig festgelegt und umgrenzt", im Unterschied zur toten Materie.

So, bis hierher und nicht weiter. Lohnt sich nämlich nicht. Und um das nur nochmal zu sagen: Egal, wie lächerlich die Begriffe "Exzellenzuniversität", "Humanities center" sind und was der Geier es sonst noch im Zuge der Universitätsreformen gibt, es ist trotzdem rüpelhaft, intolerant und pubertär, einen Redner, der nur seine Pflicht tut, durch Buhrufe und Gelächter niederzumachen!

Samstag, 20. Dezember 2008

Glänzende Aussichten

Sie hat doch auch ihr Gutes, die Weltwirtschaftskrise: weniger Autos, weniger Abgase, weniger Resourcenvernichtung, weniger Treibhauseffekt - etwas Besseres könnte unserem blauen Planeten doch gar nicht passieren.
Und was ist mit den vielen Arbeitslosen? Nun, dank unserer verdienstvollen deutschen "Arbeitsagenturen" gibt es auch hier Licht am Horizont. Denn die machen sich wirklich Gedanken, wie sie die Langzeitarbeitlosen in passende Ein-Euro-Jobs vermitteln. Wie ein aktueller Fall zeigt, wird in den Agenturen neuerdings umsichtig und sensibel auf die ehemaligen Fachgebiete der HartzIV-Menschen reagiert.
So darf ein arbeitsloser Kunststoffingenieur nun für 1,50 € Stundenlohn an 30 Wochenstunden Bäumchen mit Wildschutzfolie umwickeln; Kunststoff und Folie, das paßt doch, werden sich die Leute von der Agentur gesagt haben.
Schwer zu verstehen, daß der undankbare Ingenieur nichts mit Wildschutzfolien zu tun haben wollte und gegen die Arbeitsagentur geklagt hat, und natürlich hat der Mann nicht Recht bekommen.

Aus der Palette der zahlreichen Möglichkeiten für weitere HartzIV-Empfänger hier ein paar Vorschläge:
Architekten (von denen es ja ziemlich viele ohne Arbeit geben soll) könnten bei der Fenster- und Gebäudereinigung von Schulen und Krankenhäusern ihr Fachwissen einbringen,
Germanisten und Journalisten wären dank ihrer professionellen Lesekompentenz hervorrragend für die Verteilung von Gemeindeblättchen geeignet, aber auch bestens bei der Post verwertbar, die ja ohnehin sparen muß (oder will),
Physiker und Chemiker könnten wahlweise zur Rohrreinigung, zu Kanalarbeiten oder Abwasserreinigung herangezogen werden,
Handwerker jeglicher Provenienz wären wegen ihrer technischen Fähigkeiten fast überall in der gemeinnützigen Arbeit einsetzbar, egal, ob es sich um die Beseitigung von Müll, das Entfernen von Hundehäufchen oder das Sichern von Schwimm- und Eislaufhallendächern handelt,
und Schauspieler könnten mit ihrer professionell geschulten Körpersprache der Verkehrspolizei beim Regeln des Verkehrs zur Hand gehen.
Für arbeitslose Philosophen und Theologen wird's ein bißchen schwieriger, aber auch hier würden sich Betätigungsfelder in der Friedhofsarbeit und der Grabsteinpflege eröffnen.

Blicken wir also voller Vorfreude und Erwartung dem umweltschonenden und arbeitslosenfreundlichen neuen Jahr entgegen!

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Herr B. fährt Bahn (eine wahre Geschichte)

Herr Dieter B. fuhr eigentlich nie mit der Bahn. Reisen tat er zusammen mit seiner Frau, und das war mit dem Auto erstens billiger und zweitens schöner. Aber nun mußte Herr B. spontan jemanden treffen - wen und warum tut hier nichts zur Sache -, ohne seine Frau und dreihundert Kilometer weit weg.

Gut, also doch mal Bahn fahren. Wird auch mal Zeit, sagte Frau B., du paßt doch gut zur DB, mit deinem Namen. Herrn B.s Frau war sogar beim Internetservice der Bahn registriert, und so wollte sie ein Ticket für ihren Mann ausdrucken. Allerdings mußte sie feststellen, daß dies nicht ging: das unter ihrer Registrierung ausgedruckte Ticket wäre nicht übertragbar gewesen, die Bahn glaubte offenbar Herrn B. oder sonst jemandem nicht, wenn er mit dem Ticket seiner Frau oder Freundin kam und behauptete, die hätte das für ihn ausgedruckt und bezahlt. Und ohne Registrierung ausdrucken ging auch nicht, weil Herr B. dafür eine Kreditkarte benötigt hätte, und die besaß er nicht, aus Prinzip. Na gut, sagte Frau B., man kann zwar bei Tchibo und bei Karstadt und bei Amazon und überhaupt überall ohne Kreditkarte im Internet einkaufen, aber unsere Deutsche Bahn ist eben etwas Besonderes, die sind mißtrauisch.

So fuhr Herr B. zum Bahnhof und stellte sich in die Schlange an einem Schalter. Nach fünfundzwanzig Minuten stand er immer noch dort. Die Kundin, die sich seit einer knappen halben Stunde am Schalter beraten ließ, hatte offenbar sehr viel Zeit und noch mehr Fragen. Herr B. war so euphorisch, als er endlich drankam, daß er zu seinem Ticket noch gleich eine Bahncard25 kaufte. Wer weiß - vielleicht würde er in Zukunft ja öfter mit der Bahn...?

Am nächsten Morgen war Chaos am Bahnhof. Die Bahn hatte ihre ICE-Züge aus dem Verkehr nehmen müssen, weil irgendwas mit den Rädern nicht stimmte. Mit zwei Stunden Verspätung kam Herr B. schließlich an seinem Zielort an, ausgehungert, weil es nichts zu essen gegeben hatte in der Bahn, und sehr durstig, weil auch niemand etwas zu trinken angeboten hatte.
In der Bahnhofslounge pries eine Speisekarte zwar so herrliche Dinge wie "drei kleine Schweinemedaillons mit Ofenkartoffeln" an, aber dieses Essen, das aus zwei Fleischstücken und Kartoffeln bestand, schmeckte nicht einmal nach nichts, das wäre ja noch zu ertragen gewesen, sondern scheußlich. Trotzdem, sozusagen aus wissenschaftlichem Interesse, fragte Herr B. den Kellner, wieso es denn nur zwei Medaillons seien, anstatt der auf der Speisekarte angekündigten drei. Der Kellner behauptete, diese Medaillons seien größer als die drei kleinen, die sie sonst servierten - drum. Die Toilette dieser Bahnhofslokalität paßte zum Essen. Ein Becken war kaputt, im Seifenspender befand sich keine Seife, und der Papierbehälter zum Händeabtrocknen war leer.

Auf der Rückfahrt, die erstaunlicherweise ohne Verspätung ablief, saß Herr B. hinter einer Frau, die ohne Unterbrechung und lautstark Geschäftsgespräche auf ihrem Handy führte. Als die vorpubertäre und extrem gelangweilte Tochter der Frau auch anfing, in ihr Handy zu sprechen, wurde sie von ihrer Mutter zurechtgestaucht, daß sie nicht so laut sein solle, hingegen wagte keiner der Mitreisenden, die Mutter in ähnlicher Weise zu ermahnen. Herr B. hatte wieder großen Durst, aber kein freundlicher oder unfreundlicher Servicemensch erbarmte sich seiner. Trotz seines Durstes fand Herr B. es irgendwann erforderlich, die Zugtoilette aufzusuchen. Doch die beiden Toiletten an den Wagendurchgängen waren, wie ein Zettel an den Toilettentüren mitteilte, defekt. Vor der weiter entfernten, funktionierenden Toilette drängte sich eine lange Schlange von Zugreisenden. Herr B. kehrte an seinen Platz zurück, entfaltete die Tageszeitung und las, daß die Bahnvorstände bei einem Börsengang der Bahn sechsstellige Sonderzahlungen erhalten würden.

Auf dem Bahnhof seiner Heimatstadt angekommen, zerriß Herr B. seine Bahncard25 und streute die Schnipsel in einen überquellenden Bahnhofsabfallkorb. Und er schwor sich, seinen Namen nie mehr mit D.B. abzukürzen.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Fernsehen ist doof

Nach Marcel R.'s spektakulärem Auftritt beim deutschen Fernsehpreis war die Branche high. Bei der angesagtesten Party im Anschluß an die Gala sollen verschiedene bekannte Persönlichkeiten aus Film, Fernsehen und Politik Marcel R.'s Fernsehschelte zustimmend kommentiert haben, und das hörte sich etwa so an:

Elke H. (Literaturpäpstin): Fernsehen ist doof, hab ich immer gesagt. Leute, lest lieber, sag ich immer, es gibt so viele gute Bücher, guckt einfach mal in meine Sendung, dann habt ihr Lesestoff und müßt nicht mehr meine Sendung gucken. Daß ich das mit den Büchern mache, ist ja eigentlich nur ehrenamtlich, das bißchen, was ich dafür kriege, das sind doch Peanuts im Vergleich zu dem, was der Ackermann so einstreicht, und der tut nix für die Bildung, so wie ich. Also die solln mich ruhig rausschmeißen, diese verknöcherten Idioten.

Hans J. (ZDF-Programmchef): Die Elke geht doch sowieso, aber den Marcel, den müssen wir uns warmhalten. Klasse, der Mann.

Veronika F. (Actrice, vom Busenwunder zur Empörungs- und Charakterdarstellerin aufgestíegen): Also der Herr Reich, der hat ja ein wunderbares Temperament, ein Vulkan, und das mit achtundachtzig. Ich finde, er hat da was ganz ganz Wichtiges gesagt, man muß echt auf mehr Niveau achten im Tievie, also das tue ich auch, ich wähle meine Projekte ja sehr sehr kritisch aus, und wenn das alle tun würden, dann hätten wir ein ganz anderes Niveau im deutschen Fernsehfilm. Danke, Marcel, ich fand das ganz ganz großartig, was du da gemacht hast. (Sie eilt auf Marcel R. zu, der umringt ist von Bewunderern, und drückt ihm, bevor er sich abwenden kann, einen herzlichen Kuß auf die Greisenwange.)

Josef L. (Fernsehkoch): Stimmt schon, Fernsehen ist total doof, vor allem, wenn keine Kochsendungen laufen, versteh gar nicht, wieso die Leute dann überhaupt einschalten. Also ich hab den Marcel mal beim Essen kennengelernt, da hatte ich das Gefühl, daß der unheimlich gern ißt.

Günther J. (nebem Thomas G. Deutschlands bekanntester TV-Moderator): Natürlich ist Fernsehen doof, und je besser dann bestimmte Sendungen sind, die von den wenigen intelligenten Leuten in dieser Branche moderiert werden, desto krasser zeigt sich die Doofheit des alltäglichen TV-Schlamms. Nur so ist es doch zu verstehen, daß man mich (charmantes selbstironisches Lächeln) für den intelligentesten Mann Deutschlands hält...

Angie M. (Bundeskanzlerin): Das Massenmedium Fernsehen hat natürlich Schwächen, aber wir sollten doch dankbar sein für die Freiheit der Meinungsäußerung, die in diesem Land auch einem extrem formulierenden Medienkritiker wie Herrn R. Raum für einen solchen Auftritt gibt. Die Tragik des von mir immer bewunderten Herrn R. ist es, daß ein selbstreferentielles System wie das Fernsehen auch den, der es bekämpft, zum funktionierenden Teil des Sytems macht...

(an dieser Stelle wird Angie M. von Josef A., Bankier, zur Seite genommen und in ein längeres, mit gedämpfter Lautstärke geführtes Gespräch verwickelt.)

Klaus W. (Berliner Oberbürgermeister), gutgelaunt und mit dem fünften - oder sechsten? - Glas Moet Chandon in der Hand: Fernsehen schwallt, und das ist nicht gut so.

Josef A. (Bankier) hat das Gespräch mit Angie M. beendet und nähert sich Marcel R., der gerade mit dem Werbechef von Telekom angestoßen hat: Ich bin Ihnen ja so dankbar, Herr R.! Endlich redet man mal nicht von uns! Wie wär's, ich hatte da so eine Idee - wir würden gern einen neuen Preis stiften, für mutige TV-Journalisten und Persönlichkeiten wie Sie, die kein Blatt vor den Mund nehmen: dürften wir diesen Preis nach Ihnen benennen? Und vielleicht sogar durch Sie überreichen lassen? Übernachtung mit Frühstück und Reisekosten werden selbstverständlich erstattet, und auch sonstige Kosten werden...

Hier schwappte die Party akustisch über den beiden Herrschaften zusammen, und der Rest ging in den wummernden Bässen der Band "Einstürzende Neubauten" unter.

P.S. Wie man hört, möchte Elke H. einen besseren Sendeplatz für "Lesen!", und Marcel R. erklärt, daß die Werbung, die die Telekom mit einem Foto von seiner Fernsehschelte macht, ein Mißverständnis sei.

Montag, 6. Oktober 2008

Volkes Stimme

Heute im Schwimmbad war aus der Umkleidekabine nebenan folgender Monolog zu hören (männlich, bayrisch, etwas älter, aber nicht zittrig oder heiser oder ähnl.):

Herrschaftszeiten, dös san alles Verbrecher. Alles Verbrecher. Standrechtlich erschießen sollt man die. (Pause). Eingesperrt gehören die, bei Wasser und Brot. Bis sie eingehn. Dumm wie die Schafe. Schafe san's alle.

Nach dieser verbalen Entladung waren nur noch gutgelaunte Schnaufer und ansatzweises Summen einer bayrisch und volksmusikartig anmutenden Melodie zu hören.

Und ich frage mich: Wen meinte der deftige Volkstribun? Die Banker von Hypo Real Estate? Oder die Bundesregierung, die HRE mit zweistelligen Milliardensummen künstlich am Leben hält?

Dafür, daß genau diese - und eben nicht die Nachbarn oder die Frauen oder die Ausländer gemeint waren - spräche, daß ich Derartiges noch nie aus einer Badekabine vernahm. Nach den diversen Diskussionen von Fachleuten in Funk und Fernsehen, den vielfältigen Kommentaren in den Printmedien, abwägend, abwiegelnd, vernünftig, ein etwas anderer Kommentar, der zumindest eines ausdrückt, was ich sonst nirgends gehört habe: das Entsetzen um die Kaltschnäuzigkeit, mit der dieses unvorstellbar viele Geld verbrannt worden ist.