Samstag, 16. Mai 2015

Kindheitspädagogik

Die gute alte Kindergärtnerin gibt es nicht mehr. Der Job ist anspruchsvoll geworden, denn es geht um die sogenannte "frühkindliche Bildung":
„Gute frühkindliche Bildung ist einer der entscheidenden Faktoren für mehr Chancengleichheit. Elementare Bestandteile einer umfassenden Bildung sind neben altersgerechter Sprach- und Wissensvermittlung, Angebote von früher Musik-, Kunst- und Bewegungserziehung sowie die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und Werten.“(Das Bundesministerium für Bildung und Forschung).
Wohlgemerkt - es sind nicht etwa Kinder ab drei oder vier, die gebildet werden sollen, denn: „Frühkindliche Bildung beinhaltet die 'Bildung' von Kindern ab Geburt bis ins Vorschulalter.“ (Wikipedia, Schlagwort „Frühkindliche Bildung“)

Deshalb wollen die Erzieherinnen auch eine höhere Gehaltsstufe, und deshalb kann man diesen Beruf jetzt auch über einen Bachelor-Studiengang erlernen. Dann darf man sich Kindheitspädagoge nennen, und es ist schön, dass die Säuglinge in den Krippen und die Kleinkinder zwischen eins und drei Jahren in den Kitas jetzt von Fachleuten mit Fachwissen erzogen werden. Denn die Mütter sollen  Geld verdienen, damit sie genügend Steuern zahlen und die teuren Fachfrauen- und männer in den Kitas bezahlt werden können.

Was hat meine Generation doch für Pech gehabt, die wir nur in Ausnahmefällen unsere frühkindliche Bildung in Kindergärten bekommen durften und stattdessen von kompletten Erziehungslaien, nämlich unseren Eltern, erzogen wurden!
 Aber freuen wir uns doch einfach über den Fortschritt, der die Universitäten und die Kitas füllt.




Dienstag, 20. Januar 2015

„Charlie Hebdo“ und religiöse Toleranz

Seit nun schon über einer Woche tobt, ausgelöst durch das Attentat auf die „Charlie-Hebdo“-Redaktion, eine leidenschaftliche Diskussion um Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Toleranz und Intoleranz. Erwartbar und verständlich war das Entsetzen über den islamistischen Gewaltakt, und so wurde, außer in  muslimischen Ländern, weder von Politikern noch Publizisten Zweifel am Sinn antiklerikaler Karikaturen geäußert, die ja  im Zentrum der Arbeit von „Charlie Hebdo“ standen und weiterhin stehen.
Nun hat sich aber der Papst eingemischt und gefordert, dass religiöse Satire ihre Grenzen haben müsse, wobei seine Äußerung, dass den, der seine Mutter beleidigte, sein „Faustschlag erwarte“, einer gewissen Komik nicht entbehrt und von Jürgen Kaube (und anderen) sogleich gerügt wurde. Doch immerhin wagt man nun  hier und da in Leserbriefen oder auch in sehr, sehr vorsichtigen Kommentaren darüber nachzudenken, was Toleranz in Bezug auf religiöse Überzeugungen bedeuten könnte.
Etwas tolerieren heißt, eine fremde Meinung, Lebensweise, Sitte, Religion gelten zu lassen, ohne sie herabzusetzen, zu bekämpfen oder verächtlich zu machen. Dies impliziert keineswegs, dass das fremde Tolerierte in den eigenen Werte- oder Traditionskanon aufgenommen werden, bzw. dass die fremden Werte verstanden und respektiert werden müssten. Jürgen Kaube zitiert in diesem Zusammenhang Rémi Brague, der gesagt hat: „Kein Glaube verdient Respekt, auch meiner nicht. Überzeugungen sind Dinge, Respekt kann es nur für Menschen geben.“
Diese säuberliche Trennung von Glaubensinhalt und Gläubigem greift allerdings nur, wenn die Respektverweigerung für den Glauben sich nicht zu offener Respektlosigkeit, bzw. Verhöhnung des Glaubens steigert. Sobald dies der Fall ist, wird sie fragwürdig. Denn dabei wird übersehen, dass ein religiös orientierter Mensch sich seinen jeweiligen Glaubensinhalt im Akt des Glaubens als geistiges Lebenszentrum aneignet. Somit trifft jede Verhöhnung des Glaubensinhalts auch den Gläubigen als Person. Der von Rémi Brague geforderte Respekt  für Menschen wird also durchaus verletzt, wenn deren jeweilige Glaubensinhalte durch vulgäre Karikatur im Stil von „Charlie Hebdo“ verhöhnt werden.
Ja und, werden die meisten sagen, der fromme Muslim/Katholik/Jude braucht die Karikatur doch nicht anzuschauen!
Dieses Argument greift aber zu kurz. Die Publikation in einem überall erhältlichen Magazin ist, wie ja schon der Begriff der Publikation sagt, eine öffentliche Äußerung und ein gezielter, von der Intention her aggressiver Akt gegen alle, die dem Glauben anhängen, der durch die Karikatur herabgewürdigt wird.

Es fragt sich, was der Sinn solcher Karikaturen sein soll. Für wen stellen Karikaturen über Mohammed oder den Papst eine Notwendigkeit dar? Welchen gesellschaftlichen oder ästhetischen Zweck können sie erfüllen? 

Dienstag, 28. Oktober 2014

"Social Freezing"

Seit zwei Wochen wird erregt, polemisch oder gar hysterisch über eine neue Form der Geburtenplanung diskutiert, das neuerdings von Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen angebotene sogenannte „Social Freezing“, das Einfrieren von menschlichen Eizellen zum Zwecke ihrer späteren Befruchtung,-  dann, wenn es frau/mann mal „passt“.

Auch Günther Jauch ließ  dieses Thema am Sonntagabend diskutieren, wobei die Zusammensetzung seiner Talk-Runde zu wünschen übrig ließ: Neben einer wenig überzeugenden Befürworterin des „Social Freezing“ gab es als Befürworter noch einen Arzt aus Bregenz zu bestaunen, der nicht einen Satz fehlerfrei zu Ende brachte (Originalton: „Meiner Meinung… also wos i jetzt weiß“; anscheinend hatte er Probleme damit, „meiner Meinung…“ korrekt zu benutzen) und nur Werbe-Spruchbänder über sein Eizellen-Tiefkühl-Labor und die medizinische Unbedenklichkeit des „Social Freezings“ verkündete. Vernünftig erschienen mir Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist, und die beiden anderen eingeladenen Frauen. Beide auf natürliche Weise erst recht spät Mutter geworden, lenkten sie immerhin den Fokus auf das, was eigentlich Not täte: nämlich einen gesellschaftlichen Wandel, so dass längere Erziehungspausen berufstätiger Mütter und unproblematische Berufsrückkehr selbstverständlich würden und Familie auch in der Arbeitswelt als bestimmender Faktor für die Struktur der Arbeitsbedingungen gälte..

Es ist ganz erstaunlich, welche hämischen, ja fast hasserfüllten Kommentare diese Diskussion in den Printmedien hervorrief. Die Online-Portale von Spiegel, Tagesspiegel und Focus bewerteten  unisono Jauchs Sendung als sexistisch, inkompetent und frauenfeindlich, und nur Uta Rasche in der FAZ.net fand etwas maßvollere Töne und sagte Vernünftiges zu den negativen Aspekten dieser Art von Familienplanung. Allerdings konnte auch sie sich nicht verkneifen, darüber zu klagen, dass Männer wie Jauch und Yogeshwar, eben weil sie Männer seien, es ja „leicht“ hätten, die „Angebote von Apple und Facebook….für unmoralisch zu halten“, und sie fragte, wieso es in Jauchs (oder Yogeshwars) Beruf „keine Frau mit vier Kindern“ gebe.

Dazu ist folgendes zu sagen: Es gibt auch im Fernsehen und in anderen medialen Berufen – und generell in allen anspruchsvollen Berufen - Frauen, und zwar erfolgreiche Frauen, mit mehr als einem Kind (zum Beispiel Anke Engelke oder Petra Gerster). Dass Jauch bzw. Yogeshwar erfolgreich sind, liegt nicht primär an ihrem Geschlecht. Es gibt nicht nur tausende von Frauen, sondern auch von Männern, die gern ebenso erfolgreich wären, es aber nicht sind, weil die Begabung, der Mut und diverse andere Fähigkeiten  nicht ausreichen. Vor allem aber wäre es fatal für die Möglichkeit objektiver Wahrheitsfindung im gesellschaftlichen Diskurs, wenn in Zukunft die Argumente primär danach bewertet würden, ob sie von einem Mann oder einer Frau kommen. Ein Mann ist ja nun nicht a priori voreingenommen, nur weil er ein Mann ist, und dies gilt, wie ich hoffe, auch für Frauen (obwohl man angesichts der oftmals schrillen und polemischen Töne, die aus der Gender-Ecke kommen, an der Objektivierungsfähigkeit mancher emanzipatorisch beflügelter Damen zweifeln möchte).

Nun zum Thema.
Was in der Diskussion fast komplett fehlte, waren die Kinder. Sie sind offenbar Nebensache, wenn es um Karriere geht. Wie geliebt, wie angenommen fühlt sich ein Kind, wenn es erfährt, dass es jahrelang nicht erwünscht war und aus einer tiefgefrorenen Eizelle entstand, die viel "älter" gewesen ist  als der eigentliche Entstehungs-Zeitpunkt des Fötus? – Wie oft wird sich dieses Kind fragen, ob es denn jetzt in das Leben seiner Karriere-Mutter passt. Und wie sehr engt das Durchplanen des eigenen Lebens bis in den zentralen Bereich der Lebensweitergabe die persönliche Freiheit ein, die eben mehr ist als Karriere!  In meinen Augen ist diese angeblich selbstbestimmte Nachwuchsplanung das Gegenteil von Freiheit: Anstatt offen zu sein für das Leben in allen Facetten, plant man sogar das Kinderkriegen durch wie eine Dinnerparty. Man verabsolutiert die gegenwärtige Perspektive, die einseitig von der Karriere geformt ist, und verlängert sie in eine Zukunft, von der man nicht weiß und nicht wissen kann, wie sie einen selbst verändern wird. Denn ein Kind zu bekommen und dafür Verantwortung zu übernehmen, verändert eine Frau, und zwar erheblich. Es kann also durchaus passieren, dass Beruf und Karriere dann plötzlich in anderem Licht erscheinen und anders bewertet werden als in der kinderlosen Karriere-Zeit.

Dieses die Zukunft und die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten  einseitig verengende Planen ist ja übrigens auch in einem anderen Bereich der menschlichen „Reproduktion“ gang und gäbe, nämlich bei der pränatalen Diagnostik. Hier trifft man tödliche Entscheidungen, wenn ein Fötus von einer Behinderung bedroht zu sein scheint, ohne zu wissen, wie man die reale Situation mit einem behinderten Kind meistern und welche Kräfte sie freisetzen würde – so dass dieses neue Leben, so unvorhersehbar wie es war, einen neuen und tiefen Sinn erhielte. Ähnlich wie in der pränatalen Diagnostik, wird auch mit dem Eizellen-Einfrieren eine Technik, die ursprünglich Krankheit verhindern, bzw. kranken Frauen helfen sollte, auf gesunde Frauen angewendet, die somit (darauf wies auch Ranga Yogeshwar hin) pathologisiert werden. Eine weitere Parallele zur pränatalen Diagnostik ist beim „Social Freezing“ gleichfalls zu befürchten: Was jetzt freiwillige Option ist, könnte irgendwann zum sozialen Druck und dann schließlich zur Pflicht werden, so wie heutzutage junge werdende Mütter, die ein möglicherweise behindertes Kind austragen möchten, von Ärzten und Gesellschaft gleichermaßen unter extremen Druck gesetzt werden.

Ein Letztes: Verschiedentlich wurde kritisiert, dass Yogeshwar und andere „die Moralkeule“ schwängen, bzw. dass das Angebot von Facebook „unmoralisch“ sei. Mit Moral hat dieses Thema nichts zu tun. Selbstverständlich hat der gesamte Bereich der Reproduktionsmedizin und der pränatalen Diagnostik tiefgreifende ethische Aspekte. Entscheidender ist es, dass die natürlichen anthropologischen Gegebenheiten willkürlich verändert oder sogar ausgehebelt werden. Das hat medizinische, psychologische und soziale Auswirkungen, die wir noch gar nicht abschätzen können. Dringend geboten wäre eine Rückbesinnung auf die natürlichen Voraussetzungen der menschlichen Reproduktion. Es ist schön und sinnvoll, wenn neues Leben aus einer Handlung entsteht, die  wir als „Liebesakt“ oder „Liebe machen“ bezeichnen. Wenn der Aspekt der Lebenserzeugung, der dabei immer mitschwingt, in einen der Gegenwart des Liebesakts sehr ferngerückten technischen Prozess verlagert wird, dürften es die Liebe - und mit ihr die Lust – in Zukunft ziemlich schwer haben.

Noch ein persönliches Wort zum Schluss:
Ich selbst bin  promovierte Germanistin, habe vier Kinder großgezogen, von denen die jüngste Tochter schwer behindert ist, und mit keiner Karriere der Welt hätte ich so viel lernen und mich selbst so sehr weiterentwickeln können wie im Leben mit meinen Kindern und meiner behinderten Tochter Clara.









Montag, 7. April 2014

Alles paletti mit der Reproduktionsmedizin

Mein letzter Post beschäftigte sich aus Anlass einer Rezension in der F.A.Z. mit der Thematik der pränatalen Diagnostik, die von dem Verfasser des rezensierten Buches, Giovanni Maio, mit bewundernswerter Klarheit, Umsicht und Gründlichkeit diskutiert wird.

In diesem Buch und in weiteren Publikationen setzt sich Maio auch kritisch mit der Reproduktionsmedizin auseinander. Solche  fundierte Kritik von medizinethischer Seite scheint jedoch in einer der neuesten Publikationen zu diesem Thema – dem Buch „Kinder machen“ von Andreas Bernard –überhaupt nicht reflektiert worden zu sein, wie zwei Rezensionen (in der F.A.Z. von 28.03.2014 und der F.A.S. vom 30.03.2014) nahelegen.

Während die erste, relativ knappe Rezension von Martina Lenzen-Schulte noch verhalten kritisch ist, überschüttet Nils Minkmar  in der Sonntagszeitung der Frankfurter Allgemeinen (30.03.2014) dasselbe Buch auf einer ganzen großen Zeitungsseite mit einem überschwänglichen Loblied, und zwar unter dem pathetischen, an eine Sonntagspredigt erinnernden Titel „Habt keine Angst!“

Wovor sollen wir keine Angst haben, fragt sich der Leser zunächst, bis ihm allmählich klar wird, dass er keine Angst vor den neuen Methoden der Kinderherstellung (wie der sogenannten künstlichen Befruchtung, der Leihmutterschaft, der Insemination durch anonyme Samenspender etc.) haben soll. Denn die schöne neue Welt, in der die Zeugung von der Sexualität entkoppelt und zum technischen Herstellungsprozess wird, an dessen Ende das Produkt Kind steht, ist laut Bernard und Minkmar von ungemein heiteren und fröhlichen Menschen besiedelt. Und es wird noch besser: Die neuen familiären Gruppierungen, die mit Hilfe der Reproduktionstechnik entstehen, bedeuten nicht weniger als die Rettung des Konzepts Familie; „wer sie (die Familie) erhalten will, muss sie radikal verändern“, verkündet Nils Minkmar im Untertitel seines Artikels. Mit anderen Worten: Die Familie kann nur erhalten werden, wenn sie sich von der traditionellen Form der genetischen Verwandtschaft verabschiedet und  die neuen Kinderherstellungsmethoden bereitwillig umarmt.

Was Nils Minkmar, bzw. Andreas Bernard als Argumente für diese steile These vorlegen, hält einer genauen Betrachtung nicht stand. Das fängt schon bei der einleitenden Anekdote an, in der eine enge Vater-Sohn-Beziehung zwischen einem „Comedian“ und seinem Vater als ausschließlich auf der „emotionalen Kreativität des Austauschs“ basierend beschrieben wird (der Sohn hatte seine Gags nur verwendet, wenn der Vater über sie lachte). Nur dieser Austausch,  nicht die „Blutsverwandtschaft“ ließ den Sohn beim Tod des Vaters trauern, behauptet Nils Minkmar. Woher er dies so genau weiß, verrät er dem Leser allerdings nicht. Offenbar kommt ihm erst gar nicht der Gedanke, dass die „Blutsverwandtschaft“ und die darauf beruhende Vater-/Sohnesliebe immerhin auch ein fabelhafter Nährboden für den engen  kreativen Austausch sein könnte, wobei außerdem zu fragen wäre, ob sich die Trauer des Sohnes nur auf den funktionalen Nutzen des Vaters als Gag-Tester bezogen hat oder ob es sich doch auch um eine grundsätzlichere, nicht an „kreativem Austausch“ und ähnlichen sozialen Handlungen festzumachende Trauer um den eigenen Vater gehandelt hat, dem sich der Sohn nicht nur psychisch, sondern auch physisch verwandt wusste.

In diesem Stil geht es weiter - oberflächliche Anekdoten reihen sich an unerlaubte Kurzschlüsse aus nur halb oder gar nicht verstandenen historischen, literarischen und theologischen Quellen. Die ethischen Dimensionen der technischen Herstellung von menschlichen Föten werden  erst gar nicht in den Blick genommen. So wird auch nicht diskutiert, dass mit der technischen Produzierbarkeit menschlichen Lebens dieses zum Produkt mit Warencharakter wird, dessen Eigenschaften der Hersteller nach den Wünschen des Käufers festlegt und das der Käufer bei fehlerhafter Herstellung oder nichtgewünschten Eigenschaften ablehnen kann. Es ist eben keineswegs nur ein Lifestyle-Problem, wenn die Entstehung eines neuen Menschen ökonomisiert wird. (Parallel damit zu sehen ist natürlich auch die Ablehnung „fehlerhafter“ Föten durch die Abtreibung und generell die seit Jahrzehnten geübte Abtreibungspraxis, die werdenden Eltern ermöglicht, ein Kind, das nicht in ihren Lebensplan, sprich in ihre Ökonomie, passt, töten zu lassen.)

Wie steht es nun mit der zentralen Argumentation des Autors, nämlich dem Verweis darauf, dass „Familie“ vor ihrer Verengung auf die bürgerliche, genetisch primär untereinander verwandte Kleinfamilie ein weitgefasstes Konzept mit angeblich „anderen“ Entstehungskomponenten als genetischen gewesen sei? Als Argument für die technische Produzierbarkeit der Familie ist dieser Rekurs auf historische Familienformen ebenso  ungeeignet wie die einleitende Anekdote von der ausschließlich kreativ-sozialen Vater-Sohn-Beziehung. Denn auch diese größeren Familiengruppierungen, die durch Scheidung, Wiederverheiratung, Aufnahme elternloser Kinder etc. entstanden, waren, ebenso wie die Kleinfamilie, durch primäre verwandtschaftliche Beziehungen geprägt, in deren Zentrum die Zeugung von Kindern durch Mann und Frau stand. Und dass die Abwehr gegenüber dem Fremden erst ein Merkmal der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts gewesen sein soll, ist schlicht falsch; sie war und ist eine notwendige Bedingung bei der Herausbildung von Familien, Großfamilien, Sippen und Gruppen (siehe z.B. Irenäus Eibl-Eibesfeldts Klassiker zur Humanethologie, „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“).

Die Beispiele, mit denen Bernard seine Argumentation hier untermauert, sind schräg oder auch irrelevant: Dass die Brüder Grimm die „böse Mutter“ in einer späteren Auflage in eine „Stiefmutter“ verwandelten, ist kein Beweis für die der bürgerlichen Kleinfamilie unterstellte Abwehr gegenüber dem Fremden, das als Bedrohung empfunden wird; das Motiv für diese Änderung ist vielmehr in psychologischer Rücksichtnahme auf die Zielgruppe der „Kinder- und Hausmärchen“ zu sehen, nämlich die Kinder.

Nicht nur schräg, sondern geradezu lächerlich ist Bernards Rekurs auf die Bibel, die angeblich mit der „heiligen Familie“ eine „anders“ zusammengesetzte Familie als vorbildlich hinstelle. Die fromme Legende der Jungfrauengeburt und der Zeugung Christi durch den Heiligen Geist ist die christliche Umformung des viel älteren Mythos der Menschwerdung eines Gottes; wenn die katholische Kirche aus diesem mythischen   Kern eine „heilige Familie“ fabrizierte, so ist die Verehrung dieses erbaulichen Märchens mit Sicherheit nicht als Bekenntnis zu einer nicht genetischen oder gar durch Reproduktionsmedizin entstandenen Familiengruppierung zu sehen.

Bei den Beschreibungen all der glücklichen Retortenfamilien und der netten, auf dem einträglichen Reproduktionsmarkt beschäftigten Menschen, die Bernard weltweit besucht hat, zeigt sich vor allem eines: die Unzulänglichkeit einer rein journalistisch geprägten Darstellungsweise, die auf eine methodische Grundlagendiskussion verzichtet und per se zur Affirmation all dessen tendiert, was der Autor sieht oder auch sehen will. Der Tenor dieser Erzählungen von all den fröhlichen Menschen, die ihr „spießiges“ Familienglück genießen, dem „fröhlich-schrillen Merchandising der größten kalifornischen Samenbank“, dem „fröhlichen“ Großvater einer angeblich besonders musikalischen Enkelin, die durch künstliche Befruchtung nach einem Konzert entstand, ist oberflächlich, wenn nicht läppisch. Man fühlt sich an die düstere Vision Aldous Huxleys in „Brave New World“ erinnert, in der ja auch die Menschen beständig und dauerhaft fröhlich  sind.

Ergo: Das Fazit von Nils Minkmar im Subtitel zu seiner Rezension, dass nämlich die Familie „radikal verändert“ werden müsse, wenn sie erhalten bleiben soll, ist ebenso falsch und unhaltbar wie der gesamte Artikel und wie das von ihm bejubelte Buch seines Münchner Kollegen Andreas Bernard (Redakteur der SZ).

Es ist schade, dass Martina Lenzen ihre kritischen Einwände gegen Bernards Buch nicht genauer formuliert, sondern nur recht vage auf die „massive Kritik  von Ärzten“ an der künstlichen Zeugung von Mehrlingen verweist und zu der seit Jahren existierenden medizinethisch-philosophischen Diskussion der  Reproduktionsmedizin nicht mehr zu sagen hat, als dass in Bernards Buch der Eindruck dominiere, „dass die Kritik an der Reproduktionsmedizin vornehmlich von Weltanschauungen“ herrühre.


Offenbar haben weder Andreas Bernard noch Nils Minkmar sich die Mühe gemacht, Autoren wie Giovanni Maio – der keineswegs der einzige fundierte Kritiker der Reproduktionsmedizin ist – zur Kenntnis zu nehmen. Es ist ja auch viel bequemer und Erfolg versprechender, den  allgemeinen Trend zur Leugnung aller anthropologischen Konstanten und biologischen Fakten mitzumachen, der den Frauen das Muttersein, den Kindern die Kindheit und den Familien die Gemeinsamkeit stiehlt. 

Mittwoch, 5. März 2014

Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen … Zur PID, einem guten Buch und einer schlechten Rezension

„Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das denn allemal im Buche?“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Ich habe wiederholt in meinem Blog zur Pränataldiagnostik, zum Lebensrecht Behinderter, zur Abtreibung und zur Präimplantationsdiagnostik (PID) Stellung genommen. Allen, die an diesem Themenkreis interessiert sind, möchte ich ein kleines Buch empfehlen, auf das ich durch eine extrem negative Rezension in der F.A.Z. aufmerksam geworden war:

Giovanni Maio: „Abschied von der freudigen Erwartung. Werdende Eltern unter dem wachsenden Druck der vorgeburtlichen Diagnostik“ (Edition Sonderwege bei Manuscriptum).

Die Rezension von Melanie Mühl wurde in der F.A.Z. vom 29.11.2013 unter dem Titel "Kein Recht aufs Kind? PID und die Folgen: Giovanni Maios Traktat" veröffentlicht; sie ist im Archiv dieser Zeitung nicht abrufbar.

Mir erschienen die angeblich „abstrusen Bemerkungen“ des Autors Giovanni Maio, die in der FAZ-Rezension als Belege für die Unerträglichkeit von Maios „Traktat“ angeführt wurden, keineswegs als abstrus, sondern als klug und nachdenkenswert, und so kaufte ich das kleine Bändchen und las es vor wenigen Tagen.

Mein erster Eindruck wurde bei der Lektüre aufs Schönste bestätigt: Das Buch des Medizinethikers Giovanni Maio ist eine brillante Auseinandersetzung mit dem oben genannten Themenkreis und in seiner glasklaren Sprache, der konsistenten, logischen Argumentation und der intelligenten Einbeziehung aller humanen Aspekte der jeweils behandelten Thematik absolut überzeugend.

Dass die FAZ-Rezensentin in kindischer Manier dieses Buch am liebsten „in den Papierkorb“ werfen würde, liegt möglicherweise daran, dass sie spürt, dass sie ihre eigenen Auffassungen zu PID, Abtreibung und künstlichen Befruchtung aufgrund von Maios Ausführungen eigentlich komplett revidieren müsste – und das wäre dann doch sehr, sehr unbequem.

So regt sie sich lieber in unqualifizierter Weise auf und unterstellt beispielsweise dem Autor, dass er die „künstliche Befruchtung … als frankensteinhafte, jeglichen Gefühls beraubte Herstellungsmethode“ beschreiben würde. Abgesehen davon, dass keine Herstellungsmethode der Welt Gefühle zu haben vermag und somit dieser auch nicht beraubt werden kann, ist die wirre Polemik der Rezensentin wohl nur auf dem Boden einer kompletten philosophischen und ethischen Ahnungslosigkeit möglich. Frau Mühl weiß offensichtlich nicht, dass man Grundsatzfragen nicht mit Emotionen und dem Rekurs auf „tragische Einzelschicksale“ lösen kann.

Maio tut in dem besagten (in meinen Augen besonders brillanten) Kapitel über die Reproduktionsmedizin nichts anderes, als deren Fragwürdigkeit mit philosophischer Schärfe zu durchleuchten und vom Aspekt der „Logik des Herstellens“ her einer fundierten Kritik zu unterziehen, indem er folgende fünf Teilaspekte abhandelt: 1. Herstellen heißt Beherrschen, 2. Herstellen heißt Denken in Zweck-Mittel-Relationen, 3. Herstellen heißt Festlegen auf das Resultat, 4. Herstellen heißt eine Rücknahmepflicht eingehen, 5. Herstellen heißt Verdinglichen.
Ich erlaube mir, aus dem letztgenannten Abschnitt zu zitieren:

Wenn wir davon ausgehen, dass in der Reproduktionsmedizin nicht der Zeugungsgedanke, sondern eher der Herstellungsgedanke vorherrschend ist, dann haben wir damit implizit bereits akzeptiert, dass das Produkt des Herstellens nicht etwas Unverfügbares ist, sondern als Produkt wird es zu einer verfügbaren Sache gemacht. Es gibt im Produktionsprozess einen Produzenten Mensch und ein Produkt Mensch und eine Beziehung der Herrschaft des Produzenten über das Produkt, und zwar einer Herrschaft, die al eine totale Verfügungsherrschaft bezeichnet werden muss. Das ist nur möglich, weil dem produzieren selbst schon eine Tendenz zur Verdinglichung inhärent ist. Das Produkt wird zur bloßen Sache, zum Objekt der technischen Berechnung. Das, was vermeintlich hergestellt wird, verliert geradezu automatisch seinen inneren Wert und wird durch die gedankliche Überformung des Herstellungsgedankens zu einer Sache mit einem bloß instrumentellen Wert. Das Produkt menschliches Leben steht auf diese Weise dem Menschen sogar wörtlich zur Verfügung, zur Verfügung in dem Sinne, dass es sowohl optimiert als auch ausgemustert werden darf, weil es im Kontext des Produzierens nichts gibt, was Staunen oder gar Ehrfurcht ermöglichen könnte. Die Achtung vor dem Leben wird ersetzt durch die Qualitätsprüfung. Und dies ist nur möglich, weil das Leben selbst durch den Produktionszusammenhang zur Sache erklärt worden ist.“

Klarer und überzeugender kann man die Fragwürdigkeit der künstlichen Befruchtung nicht darstellen. Ebenso klar und überzeugend sind alle anderen Kapitel, und es wäre wunderbar (wird aber wohl nie passieren), wenn ein solches Buch zum Beispiel zur Pflichtlektüre im Ethikunterricht erklärt oder wenigstens jedem Politiker auf den Schreibtisch gelegt würde, der an der Gesetzgebung zur PID mitgewirkt hat.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

König von Deutschland

Der König – pardon, der Bundespräsident – bestellt zu sich ein, und alle bedeutenden (oder sich für bedeutend haltenden) Entscheidungsträger der BRD kommen. Sie kommen, denn  es gibt Wichtiges zu besprechen. Die neue Regierung muss gebildet werden, und der Bundespräsident hat die Entscheidungsbefugnis in dieser Sache – äh, nein, ich habe mich vertan; er hat sie ja gar nicht. Wie kommt es denn dann, dass er „zu sich einbestellt“, und keiner der Einbestellten bleibt einfach zu Hause?

Wir haben eben keinen besseren König. Und geben Sie es zu, auch Sie sind von Joachim Gauck beeindruckt. Keiner kann so schön feierlich nach oben, oder wenn es die anstehende Festivität, Gedenkstunde, Trauerfeier etc.pp. erfordert, nach unten gucken und dabei die Mundwinkel dramatisch in ungeahnte Tiefen verrenken. So traurig hat noch kein Bundespräsident geguckt. Und er läßt sich auch keine Gelegenheit entgehen, seine Traurigkeitskompetenz unter Beweis zu stellen. Zum Beispiel beim Begräbnis eines, wie Herr Schirrmacher in der F.A.Z. uns einhämmerte, „sehr großen Mannes“, des Starkritikers Marcel Reich-R.. Da guckte Joachim Gauck ungefähr so:






Das war fast noch besser als bei der Gedenkfeier in Oradour. Alle waren erschüttert, wie wahnsinnig traurig und bewegt der  Ex-Pfarrer aus der Ex-DDR da war. Fast wäre er ohnmächtig geworden. Schade, dass dies nicht geklappt hat, es wäre noch toller gewesen als alles, was wir bisher an öffentlich ausgestellter Verzweiflungsdrastik erleben durften.

Es bleibt zu hoffen, dass uns dieser Präsident – der erste, der die Bedeutung seines Faches – ich meine, seines Amtes – in voller Größe, Breite, Tiefe und Höhe erkannt hat, noch sehr sehr lange erhalten bleibt. Hoch lebe der König!
 


Donnerstag, 23. Mai 2013

Baselitz und Kandinsky



Gestern wagte Julia Voss in der FAZ einen kritischen Artikel über einen Großfürsten der deutschen Gegenwartsmalerei, Georg Baselitz (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/das-phaenomen-georg-baselitz-am-ende-der-schlachten-12189033.html). Sie zeigte mit großer Genauigkeit und Schärfe, dass Baselitz seine Stilisierung als Außenseiter von Anfang an mit List und Geschäftssinn aufgebaut und sich zugleich sehr komfortabel im Kunstestablishment eingerichtet hat.
Julia Voss unterließ es allerdings, nach dem künstlerischen Wert der Werke zu fragen bzw. ihn  in Frage zu stellen, vielleicht wohlweislich, da dies dann eben doch zu viel des Kratzens an der bislang unhinterfragten Bedeutung dieses Malers wäre, zumal es unter den betuchteren Lesern der F.A.Z. mit Sicherheit einige geben dürfte, die einen Baselitz über dem Sofa oder als Leihgabe in einem Museum hängen haben.
Ich meine allerdings, dass es höchste Zeit wäre, nachzuprüfen, was denn nun eigentlich so bemerkenswert sein soll an den Gemälden von Georg Baselitz, alias Hans-Georg Kern, geboren in Deutschbaselitz in der Oberlausitz.
Das Erkennungsmerkmal von Baselitz ist allgemein bekannt: Er dreht seine gegenständlichen Bilder auf den Kopf. Er selbst hat einmal dazu bemerkt, dass ihm dies erlaube, weiterhin das zu malen, was ansonsten „verboten“ sei. Mit anderen Worten, er „darf“ weiterhin gegenständlich malen, weil der Gegenstand bei ihm durch das Auf-den-Kopf-Stellen des Bildes angeblich verfremdet wird, bzw. die sogenannten Sehgewohnheiten des Betrachters irritiert werden. Julia Voss zitiert in diesem Zusammenhang eine Äußerung von Werner Hofmann (ehemaliger Hamburger Kunsthallendirektor), der Baselitz’ Kunstgriff mit Kandinskys Entdeckung der abstrakten Kunst vergleicht.
Es ist aber ein fundamentaler Unterschied, ob man, wie Kandinsky, entdeckt, dass ein Bild ohne den Gegenstand eigene ästhetische Qualitäten hat, die, von den Vorprägungen und Konnotationen des Gegenstands befreit, ein künstlerisches Eigenleben entwickeln, oder ob man wie Baselitz den Gegenstand beibehält und einfach nur dadurch verfremdet, dass man ihn auf den Kopf stellt. Durch diesen Trick entsteht nämlich keineswegs eine neue ästhetische Qualität; vielmehr bleibt ja der Gegenstand als solcher erhalten und erkennbar und verhindert, dass das Bild unabhängig von ihm als abstraktes Gefüge mit einer eigenen Struktur erscheint.
Das ursprünglich eventuell sogar mit „malerischem Auge“ konzipierte Gemälde wird durch den billigen Gag des Auf-den-Kopf-Stellens verhöhnt und zerstört, es wird aber nichts Neues an seine Stelle gesetzt. Werner Hofmanns Vergleich mit Kandinsky, der seine abstrakten Gemälden sehr bewußt und genau komponierte, hinkt also ganz gewaltig und ist im übrigen eine Beleidigung von Kandinskys großartiger Begabung.
Immerhin würde ich Baselitz zwar zubilligen, dass er seine Bilder, bevor er sie auf den Kopf dreht – denn das muss er ja nun einmal, es ist sein Markenzeichen – mit einer gewissen Lust am Malen und einiger Verve auf die Leinwand streicht; der Stil seiner Malerei muss indessen allen Betrachtern, die den deutschen Expressionismus von Lovis Corinth bis Beckmann und Kokoschka kennen, alles andere als originell erscheinen.
Hinzu kommt die ermüdende Einfallslosigkeit und Eintönigkeit von Baselitz’ Kunst. Über Jahre und Jahrzehnte malt er nun schon immer das Gleiche – hässliche Männer mit riesigem Phallus, hässliche nackte Frauen, hässliche Köpfe, immer mal wieder in etwas anderen Farben und Formaten, aber immer mit dem gleichen rohen Farbauftrag und der zur Pose verkommenen Spontaneität eines  in die Jahre gekommenen spätexpressionistischen Epigonen.
Nur am Rande sei noch bemerkt, dass dieser höchst durchschnittliche Großfürst der Gegenwartskunst sonnig behauptet, Frauen malten nunmal nicht so gut, dass sei ein "Fakt".

Freitag, 17. Mai 2013

Was ist individuell an der Individualprophylaxe beim Zahnarzt?

Haben Sie Probleme mit ihren Zähnen? Dann machen Sie doch einfach mal eine "Individualprophylaxe" bei ihrem Zahnarzt. Die wird nämlich von der Krankenkasse bezahlt, im Gegensatz zu einer professionellen Zahnreinigung. Diese ist neuerdings besonders teuer, wenn Sie  noch viele Zähne Ihr eigen nennen  - früher mußte man nur die  Arbeitszeit  des Zahntechnikers bezahlen, heute wird der Tarif nach der Anzahl Ihrer Zähne berechnet; Sie werden also quasi dafür bestraft, dass Sie aufgrund guter Pflege noch ein intaktes Gebiss besitzen.
Aber das nur am Rande. Mir geht es heute um die  sogenannte Individualprophylaxe als eine Vorbeugungsmaßnahme, die von der Kasse schwerbehinderten Patienten als  Alternative  zur professionellen Zahnreinigung angedient wird. Hintergrund: Ich hatte für meine motorisch schwerstbehinderte Tochter  Clara bei der DAK einen Antrag auf Kostenerstattung der einmal jährlich durchgeführten professionellen Zahnreinigung gestellt, der abgelehnt wurde. Als Begründung für die Ablehnung verwies man mich auf die "Individualprophylaxe beim Zahnarzt".
Diese Individualprophylaxe nun ist so absurd, dass ich mir den folgenden Kommentar an die DAK gestattet habe:


Sehr geehrte Damen und Herren,

[....] die sogenannte Individualprophylaxe  beim Zahnarzt, die mir am Telefon als  Alternative zur professionellen Zahnreinigung vorgeschlagen worden war und von der DAK  einmal jährlich bezahlt wird, [...] enthält die folgenden Punkte

1)      den Befund des Zahnfleisches
2)      die Aufklärung über Krankheitsursachen und ihre Vermeidung
3)      das Erstellen von diagnostischen Vergleichen zur Mundhygiene, zum Zustand des Zahnfleisches und zur Anfälligkeit gegenüber Karieserkrankungen
4)      die Motivation und Einweisung bei der Mundpflege.

Ich lasse, wenngleich ungern, dahingestellt, ob diese Maßnahmen bei einem gesunden, nicht behinderten Patienten ebenso sinnvoll wären wie eine professionelle Zahnreinigung, geschweige ob sie einen Kariesbefall des Gebisses ebenso effektiv verhindern könnten. Es dürfte aber evident sein, auch für Mitarbeiter der DAK, dass alle diese - vielleicht ja gutgemeinten – Aufklärungsmaßnahmen bei einem schwerbehinderten Patienten, der seine Hände nicht benutzen kann, dermaßen hirnverbrannt sinnlos sind, dass man sie ohne Übertreibung als Realsatire bezeichnen kann. Dies trifft im übrigen keinswegs nur auf Körperbehinderte zu, sondern auch auf Menschen mit geistiger  Behinderung.

Was soll meine Tochter mit dem „Befund des Zahnfleisches“ denn anfangen? Soll sie ergeben nicken, wenn der Zahnarzt ihr mitteilt, dass ihr Zahnfleisch optimal/suboptimal/behandlungsbedürftig sei? Hilft ihr diese Mitteilung bei aktiver Prophylaxe, die sie aufgrund ihrer Behinderung nicht durchführen kann?

Und was nützt ihr die - noch so eloquente -Aufklärung über  „Krankheitsursachen und ihre Vermeidung“? Soll sie das nächstemal, wenn ihr ein Stück Kuchen von einer Freundin angeboten wird, sagen, dass sie dies  nicht wolle, da es ihrer Zahngesundheit nicht zuträglich sei? Sie wird auch trotz noch so intensiver Aufklärung über die Vermeidung von zahnschädigenden Nahrungsmitteln nicht selbst ihre Zähne nach einer „süßen Sünde“  reinigen können.

Vollends absurd wird dieser fabelhafte Leistungskatalog  bei Punkt drei. Das Erstellen von „diagnostischen Vergleichen zur Mundhygiene“ etc.pp. klingt zwar bombastisch und beeindruckt möglicherweise Dr. Lieschen Müller; es verleiht jedoch dem motorisch oder geistig behinderten Patienten mitnichten irgendwelche wundersamen Fähigkeiten, die ihn in den Stand setzen würden, aktiv Mundhygiene zu betreiben.

Punkt vier liefert  dann mit der „Motivation und Einweisung bei der Mundpflege“ die nicht mehr steigerungsfähige Apotheose der Absurdität. Ich wäre gern persönlich dabei anwesend, wenn ein  - natürlich „hochmotivierter“ - Zahnarzt versucht, meine Tochter, die zu 100% motorisch behindert ist, zum Zähneputzen zu „motivieren“ und sie bei der „Mundpflege“ „einzuweisen“. Es wäre, abgesehen davon, dass meine Tochter (die allerdings glücklicherweise sehr viel Humor besitzt) derlei Zumutungen auch als zynisch oder degradierend empfinden könnte, eine hochkomische Szene, die man filmen und bei Youtube veröffentlichen sollte.

ES ist grotesk, dass die DAK diese ganze Prozedur namens „Individual-Prophylaxe“ mit dem Zusatz „Individual“ kennzeichnet. Was, bitteschön, ist denn individuell an dieser Prophylaxe, wenn individuelle gesundheitliche Grundvoraussetzungen des Patienten, wie eine  schwere Körperbehinderung, nicht berücksichtigt werden?

Man sollte in der Tat – und das meine ich nicht ironisch -  diese superbe „Individualprophylaxe“, die sich vermutlich ein weltfremder Marketing-Experte ausgedacht hat, einmal mit  einem Zahnarzt und einem schwer motorisch oder geistig behinderten Patienten filmen, um die ganze Absurdität und die  hanebüchene Beschränktheit, um nicht zu sagen, den blanken Zynismus solcher Vorschläge  in Hinblick auf Schwerbehinderte bloßzustellen.

Fazit: Das Geld, das für die komplett sinnlose „Individualprophylaxe“ ausgegeben wird, könnte man sparen und sinnvoll für eine professionelle Zahnreinigung als Kassenleistung für Schwerbehinderte einsetzen. Da es sich hier um einen keineswegs unüberschaubar großen Personenkreis handelt, wären die Kosten von jeweils ca. 65  Euro pro Patient mit Sicherheit nicht so exorbitant, dass sie den gut gefüllten Geldtopf der gesetzlichen Krankenkassen in unverantwortlicher Weise leeren würden. Es wäre eine Maßnahme, die ganz real die Zahngesundheit von Behinderten verbessern und belastende komplexe Zahnbehandlungen mit erheblichem Kostenfaktor wirksam reduzieren würde.

Es ist weder  verstehbar noch rational erklärbar, wieso die Krankenkassen hier nicht ein für allemal nachbessern und warum Anträge wie der von mir seinerzeit gestellte auf Kostenübernahme der Zahnreinigung nicht bewilligt werden. Wo liegen also die Gründe für diese Politik?

Ich vermute, dass es zum einen am behindertenfeindlichen Klima der Bundesrepublik Deutschland liegt, in der behinderte Föten noch bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden dürfen. Leider haben Behinderte in unserem Land keine wirkmächtige Lobby und keine prominenten Fürsprecher.

Zum anderen ist hier die nur noch an den Kosten orientierte Politik der Krankenkassen zu nennen. Nicht die medizinische Effektivität einer Behandlung ist entscheidend, sondern deren Kostenintensität. Und die  Messlatte für die „Kostenintensität“ liegt eben bei Behinderten, die ja unverschämterweise ohnehin schon hohe Kosten machen, für  alle nicht dringend erforderlichen medizinischen Leistungen sehr niedrig.

Ich frage mich, ob es noch Entscheidungsträger im Gesundheitswesen gibt, die bereit  wären, hier etwas zu ändern.

Mit freundlichen Grüßen
***

Montag, 7. Januar 2013

Suhrkamp – Geist und Ungeist



Seit Wochen erregen sich bekannte und unbekannte Suhrkamp-Autoren über den Niedergang ihres Verlags, der seit der durch ein Gerichtsurteil angeordneten Absetzung der Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkewicz möglicherweise droht. In hyperbolischen Lobgesängen wird die Bedeutung dieses Verlags zu einem bombastischen Heiligtum aufgebläht, das unverzichtbar für die intellektuelle Kultur Deutschlands sei. Lautstark und einhellig tönt es überall: „Kein Suhrkamp mehr? Armes Deutschland!!!“ Dass es auch andere bedeutende Verlage in diesem Land gegeben hat und immer noch gibt, spielt offenbar keine Rolle für die Wutautoren. Keine Rolle auch spielt für sie der faktische Hintergrund des juristischen Urteils. Er wird einfach nicht erwähnt. Anscheinend glauben die wackeren Suhrkamp-Kämpfer, dass sie durch Schweigen diese Fakten aus der Welt schaffen können.
Die juristisch relevanten Fakten aber sind keine Kleinigkeit, und die Richter des Berliner Landgerichts, die anhand dieser Fakten über die Klage des Mindergesellschafters Barlach zu entscheiden hatten, sind mit Sicherheit keine geistfeindlichen Ignoranten, die durch Neid oder Häme zu einem missgünstigen Urteil getrieben wurden. Es sind knallharte Fakten, und sie werfen auf die Kompetenz von Frau Unseld-Berkewicz als Geschäftsführerin kein gutes Licht.
Wenn die Geschäftsführerin eines Unternehmens einen Teil ihrer  privaten Räumlichkeiten für Veranstaltungen des Unternehmens zur Verfügung stellt, so ist dies ein normaler und nicht zu beanstandender Vorgang. Wenn sie jedoch hinter dem Rücken des Mitgesellschafters ihrem Unternehmen für die Nutzung der Räumlichkeiten eine beträchtliche Monatsmiete in Höhe von 6000 Euro abknöpft, so hat die Angelegenheit ein Geschmäckle, man könnte auch sagen, sie stinkt. Um nichts anderes ging es in dem Gerichtsverfahren, und das Urteil, das die Geschäftsführerin und die beiden weiteren Geschäftsführer zur Rückzahlung der Mieteinnahmen zwingt, ist keineswegs skandalös.
Ob die Rechtsanwälte des Verlags mit ihrer Berufung oder die Geschäftsführung mit ihren Bemühungen um einen Mediator Erfolg haben werden, ist sehr fraglich, und ein Ende der Suhrkamp-Verlags ist in greifbare Nähe gerückt.
Und ist das jetzt alles ganz furchtbar traurig? Aber ja, wenn man bedenkt, dass dadurch auch solche Geistesgrößen wie Dietmar Dath (den Lesern der F.A.Z. als Verfasser unverständlicher Rezensionen und erfolgloser Sciencefiction-Romane bekannt), oder der Suhrkamp-Autor George Steiner ihre Verlagsheimat verlieren könnten. Urteilen Sie selbst, lieber Leser, und lassen Sie sich George Steiners Arie zum Thema, die er in seiner maßlosen Bescheidenheit der F.A.S. vom 6.1.2013 zur Verfügung stellte, auf der Zunge zergehen:

Seit mich Ulla Berkéwicz im Juli 2003 nach vielen Jahren wieder ins alte Verlegerhaus in der Frankfurter Klettenbergstraße einlud  – ich schrieb ihr damals ins Gästebuch: „In diesem Haus jeder Erinnerung an die Zukunft“ –und mich in der Folge wieder zurückholte in den Kreis der großen Geister des Suhrkamp-Verlages und zwei meiner Bücher, „Warum Denken traurig macht“ und „Gedanken dichten“, zu Bestsellern machte, beobachte ich die Entwicklung des Verlages […] mit großer Freude […] . Hier ist, dem Ungeist unserer Zeit entgegen, der wichtigste Verlag Deutschlands […] erfolgreich in die Zukunft geführt worden. Suhrkamp culture today ist ein geistiges Gebäude, das nicht nur seine Autoren und die Feuilletons, sondern auch die Gerichte, ja die Politik zu schützen haben.

So soll es sein. Justiz und Politik dürfen endlich einmal etwas Sinnvolles tun und die Suhrkamp-Culture samt ihren großen Geistern und exquisiten Tiefsinnigkeiten im Gästebuch vor dem Untergang bewahren.

Samstag, 24. November 2012

Kinderdepots mit Qualitätssiegel



Vor wenigen Wochen habe ich in diesem Blog zur Debatte um das Betreuungsgeld und zur Problematik früher „Fremdbetreuung“ Stellung genommen. Diese  Diskussion nimmt kein Ende, sondern zeitigt im Gegenteil immer groteskere Formen.
Nachdem Herr Trittin und andere Volksvertreter im Bundestag unwidersprochen ihre Verachtung für Mütter demonstrieren durften, die nach der Geburt ihr kleines Kind selbst betreuen, statt sich umgehend  wieder in den Arbeitsprozess zurückzubegeben, hat sich jüngst ein veritabler Experte, nämlich der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Professor Jörg M. Fegert, zu Wort gemeldet (FAZ vom 17.11.2012).
Die eine ganze Zeitungsseite einnehmenden Erörterungen des Professors tragen den listig doppeldeutigen Titel „Qualität – in jeder Beziehung“.
Schon die eingangs aufgestellte These, dass diese Debatte nicht ohne die Geschichte der deutschen Teilung verstanden werden könne, ist nicht überzeugend. Die Forderungen politischer und anderer Meinungsträger nach flächendeckender und frühzeitiger Fremdbetreuung in Krippen und Kitas, die zur Zeit weitgehend die Debatte bestimmen, sind kein Echo auf die seinerzeitige kollektive Kinderfremdbetreuung der DDR.
Sie sind vielmehr in der Dominanz ökonomischer Interessen zu suchen, für die es nicht tolerierbar ist, dass mit der Gruppe der jungen Mütter, sofern diese  eine längere Kinderpause machen, ein relativ hoher Prozentsatz der arbeitsfähigen Bevölkerung dem geldwerten Arbeitsprozess entzogen ist.
Fegert geht erst gar nicht so weit, diese Grundlage der Debatte in den Blick zu nehmen, geschweige ihre Berechtigung in Zweifel zu ziehen. Zwar konzediert er immer wieder, dass die für die weitere Entwicklung eines Kindes eminent wichtige „Bindungssicherheit“ nur durch frühe und stabile Bindung des kleinen Kindes an eine oder wenige Bezugspersonen entsteht, er zieht aber aus dieser Erkenntnis nicht die Konsequenz, dass für Kleinstkinder die beste und natürlichste Form der Kinderbetreuung eben nicht Fremdbetreuung, sondern die elterliche Zuwendung und Fürsorge wäre. Der gesamte Artikel krankt an dem Widerspruch zwischen dieser  Erkenntnis und der von Fegert  nicht grundsätzlich hinterfragten Forderung nach Fremdbetreuung.
Dieser Widerspruch wird nicht gelöst. Fegert nimmt stattdessen Zuflucht zu der mit bombastischem technokratischem Vokabular vorgetragenen Forderung nach umfassender Aufrüstung und „Qualitätssicherung“ der Krippen und Kitas (in Michael Endes „Momo“, der klarsichtigen Vision einer technokratischen Welt, heißen diese „pädagogisch wertvollen“ Anstalten „Kinderdepots“). Da ist die Rede von „qualitativ hochwertigen Beziehungsangeboten“, von „grundlegenden Qualitätsparametern“, von der „Qualität des kognitiv und sozial entwicklungsanregenden Angebots und des kleinkindpädagogischen Gesamtkonzepts“, und der Notwendigkeit der „Qualitätssicherung“, die durch „Qualitätsmanagement“, Prüfung der „Prozessqualität“ und der „Ergebnisqualität“ erreichbar sei. Fegert orientiert sich dabei an Amerika, wo der Ausbau von Kleinkindbetreuung wissenschaflich begleitet worden ist.
(Nebenbei bemerkt, ist seine idealisierende Deutung des Begriffs „child care“ schlicht und einfach falsch; in diesem Begriff ist nicht etwa das „fürsorgliche Beziehungselement“ enthalten, das „für gelingende Betreuung …unabdingbar ist“, vielmehr wird der Begriff „care“ im Englischen geradezu inflationär für alles und jedes benutzt, das gepflegt werden soll (man denke an „skin care“). Ob die wissenschaftliche Begleitung des institutionellen „Child Care“-Ausbaus in den USA das Heil gebracht hat oder bringen wird, verrät uns Fegert übrigens nicht.)
 Abgesehen davon, dass eine solch wundersame Verbesserung der frühkindlichen Fremdbetreuung, wie sie sich Fegert von der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle erhofft, vollkommen utopisch wäre, ist sein Vokabular verräterisch. Es verwundert nicht weiter, dass ein Autor, der eine solche Begrifflichkeit verwendet, die biologische Grundlage der Mutter-Kind-Beziehung als „nicht primär“ bezeichnet, ohne dass er merkt, dass seine Begründung – der Verweis auf die historischen Formen menschlichen Zusammenlebens in Gruppen oder Großfamilien - kein biologisches, sondern ein soziologisches Argument ist. Der Mensch ist biologisch gesehen ein Säugetier, und in dieser Klasse ist die Mutter-Kind-Bindung im Prozess des Säugens sowohl biologisch fundiert wie lebensichernd. Dass diese Bindung auch in den oben genannten Großfamilien- oder sonstigen Gruppierungen als die primäre zu sehen ist, dürfte evident sein, ebenso evident wie die Tatsache, dass sie nicht durch noch so hochwertige Bildungs-, Bindungs- und entwicklungsanregende „Angebote“ ersetzt werden kann.
Wenn es als Ausnahme von dieser biologischen Regel hin und wieder Mütter gibt (und die gibt es auch im Tierreich), die ihrem natürlichen Mutterinstinkt nicht nachkommen können oder wollen, so setzt dies die Regel nicht als solche außer Kraft.
Im übrigen muss, sofern man die positive Lebensform der Großfamilie als rechtfertigendes Argument für Kitas und Krippen ins Feld führt, bedacht werden, dass eine Großfamilie, mit den überwiegend erwachsenen Bezugspersonen und im Alter differenzierten, wenigen weiteren Kindern, für ein kleines Kind ein Umfeld ist, das sich fundamental von einer Kita unterscheidet, in der wenige Erwachsene eine große Anzahl von gleichaltrigen Kleinkindern betreuen.
Es ist der Grundfehler sozialistisch geprägten Denkens, die negative (und bedauernswerte) Ausnahme zur  normierenden Kraft oder gar Legitimation für einschneidende Eingriffe in bewährte soziale Systeme zu erheben – hier also für an die Substanz der Familie und der Mutter-Kind-Beziehung rührende Eingriffe in das System Familie auf der Basis einer inzwischen offenkundigen Abwertung der Familie und der Rolle der Mutter.
Herr Trittin und andere, die lauthals die Abschaffung der  Familie betreiben, sollten zur Kenntnis nehmen, dass beispielsweise in Israel die Experimente der nichtfamiliären Erziehung im Kibbuz längst wieder aufgegeben wurden  und selbst die Sowjetunion wieder zur traditionellen Form der Kinderaufzucht in der Familie zurückgekehrt ist.
Was not täte: Ein Umdenken in der Bewertung der Mutter-Kind-Beziehung und der Leistung von Müttern sowie  die entsprechende Unterstützung junger Mütter im häuslichen Umfeld und  die Entwicklung von Arbeits- und Fortbildungsmodellen, die den Frauen eine problemlose Rückkehr in ihren Beruf auch nach einer längeren Kinderpause ermöglichen würden. Und was noch wesentlicher wäre: wir müßten zu einer Kinderfreundlichkeit zurückfinden, wie sie früher  immer selbstverständlich war. Eine Gesellschaft, in der seit Legalisierung der Abtreibung über fünf Millionen Kinder abgetrieben worden sind, wird auch weiterhin die Rechte der Kinder zugunsten ökonomischer Interessen ignorieren.
Kinder sind unsere Zuk,unft, und sie haben, trotz aller  „qualitativ hochwertigsten Beziehungsangebote“ in Kitas und Krippen mit den von Fegert gewünschten „feinfühligen“ Erziehern ein Recht auf die Bindungssicherheit, die sie durch die mütterliche Liebe erfahren. Es ist wohl kein Zufall, dass das Wort „Liebe“ in Fegerts Artikel nicht vorkommt.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Paralympics und Inklusion



Vor wenigen Wochen wurden in London die „Paralympics“ gefeiert, und die Wettkämpfe der Körperbehinderten begeisterten wie nie zuvor ein riesiges Publikum. Dürfen wir uns also freuen, dass Behinderte quasi in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind, dass sie trotz ihrer Behinderung genauso  oder  fast noch  mehr gefeiert werden wie die sportliche Spitzenprominenz? Hat eine neue Kultur des verständnis- und respektvollen Zusammenlebens in einer schönen neuen Welt der angstfreien und großzügigen Inklusion begonnen?

Zu schön, um wahr zu sein? In der Tat. Zur gleichen Zeit, da diese Paralympics scheinbar die wunderbare Akzeptiertheit von Behinderten in unserer Gesellschaft bewiesen, wurde in Deutschland der Bluttest zur pränatalen Diagnostik der Trisomie 21 (Down-Syndrom) zugelassen. Dieser Test ermöglicht es schwangeren Frauen, schnell und risikofrei Gewissheit darüber zu erlangen, ob ihr  Kind an Down-Syndrom leidet, so dass sie genügend Zeit für die Entscheidung gegen dieses Kind und eine Abtreibung haben.

Mir ist nicht bekannt, ob bei den Paralympics auch Sportler mit Down-Syndrom teilgenommen haben. Ich weiß allerdings, dass die überwiegende Mehrzahl der behinderten Sportler Körperbehinderte sind, die aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit Gliedmaßen, Gehör oder Augenlicht verloren haben.
Dass ein solcher Körperbehinderter die Leistungsfähigkeit seiner Physis austesten will und dass Menschen die Willenskraft, mit  der solche Leistungen hervorgebracht werden, bewundern, ist verständlich.
Man muss sich aber auch darüber klar sein, dass Leistungssport von Behinderten demselben Leistungsdenken gehorcht, das unsere gesamte moderne Welt prägt und das mit seiner darwinistischen Selektion der Stärksten dem Ziel einer umfassenden Akzeptanz Behinderter diametral entgegengesetzt ist. So wird im Behindertensport die Chance nicht wahrgenommen, aus dem Faktum des Behindertseins die Abkehr vom Leistungsdenken hin zu einer neuen Lebensorientierung zu vollziehen. 
Deshalb  ist auch die Begeisterung für die Paralympics keineswegs der eingangs beschworene Ausdruck einer neuen Humanität. Diese Begeisterung gehorcht einfach nur dem Leistungsdenken und dem Rekordwahn des normalen Sports und vermischt sich mit der ohne große Mühe zu erzeugenden Toleranz gegenüber Körperbehinderung. Denn von allen Behinderungsformen ist die Körperbehinderung diejenige, die die kleinsten Akzeptanzprobleme mit sich bringt. Eine körperliche Behinderung ist im Grunde nichts, das den Betroffenen fremd erscheinen läßt – ein physischer Defekt, der keine oder wenig  Auswirkung auf Psyche und Verhalten hat und den der „normale“ Gesunde ohne weiteres verstehen kann.
Alle anderen Behinderungen, vor allem diejenigen, die angeboren sind, gehören zu einer komplett anderen Kategorie. Sie betreffen den ganzen Menschen, seine Sprache, sein Verhalten, sein Aussehen, und machen ihn so in den Augen Gesunder, die zumeist nichts wissen von solchen Behinderungen, zu etwas, das fremd, unverständlich, merkwürdig oder gar unheimlich  erscheint. Das Fremde aber, das man nicht versteht, wird abgelehnt.
So ist es logisch, dass gleichzeitig mit den Paralympics und der zur Schau gestellten Toleranz gegenüber körperbehinderten Sportlern der Bluttest auf Down-Syndrom in Deutschland zugelassen wurde. Und es ist ferner konsequent, dass die sozialen Leistungen für Behinderte immer weiter abgebaut werden (neuestes Beispiel: die bisherige Gebührenbefreiung Schwerbehinderter für Rundfunk und Fernsehen wird jetzt abgeschafft; älteres Beispiel: schon seit längerem werden einkommenslose Behinderte an den Zuzahlungen zu Kassenleistungen beteiligt).

Körperbehinderte Sportler, die dem gleichen Leistungsdenken huldigen wie alle? „Ja gern.“

Geistig Behinderte, die „anders“ sind, die niemals etwas leisten, etwas haben, etwas darstellen werden, und die darüber hinaus im Bildungssystem enorme Kosten verursachen? „Nein danke.“

Dass dennoch die vielgepriesene „Inklusion“ an Regelschulen zaghaft angefangen hat, wäre eigentlich ein positives Zeichen. Denn nur mit der frühzeitigen Integration behinderter Kinder ließe sich die Fremdheit und die Scheu gegenüber nicht nur körperlich Behinderten abbauen, und mehr noch, bestünde die Chance für die gesunden Kinder, den Reichtum an Lebensfreude und an  Liebe zum Leben, den schwerbehinderte Menschen so oft haben, kennen und lieben zu lernen.
Soll die Inklusion an Schulen aber gelingen, wird sie Geld kosten, sehr viel Geld; nur mit gutem Willen ist es hier nicht getan. Man braucht Sonderschullehrer, Therapeuten, Therapieräume, Pfleger und Betreuer, und das sind dauerhafte Kosten in gewaltiger Höhe, die unser Staat aufzubringen nicht bereit sein wird. Dieser Staat baut im Gegenteil die Sozialleistungen für Behinderte ab und  erleichtert die Abtreibung behinderter Kinder.

Solange dies so ist, wird es in Deutschland keine echte Inklusion geben.

Samstag, 29. September 2012

Judith Butler und der Fettnapf

Es war einmal eine traurige amerikanische Philosophin, die sich fremd in ihrem Körper fühlte, Frauen liebte und deswegen die biologische Zweiteilung der Menschheit in zwei verschiedene Geschlechter (engl. gender) nicht akzeptierte. Sie fand Trost bei der französischen Philosophin Simone de Beauvoir, die zwar Männer liebte, aber trotzdem überzeugt war, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht würde, und baute dies zu ihrer Gender-Theorie aus, die sie in viele rätselhafte, aber modische Wörter einkleidete, so dass die Intellektuellen in der ganzen Welt tief beeindruckt waren. Wie glücklich war man weit und breit, dass endlich einmal wieder alle Gewissheiten in Bewegung gerieten, und das Beste daran war, dass man die Begriffe der traurigen Philosophin nachplappern konnte und sofort von anderen Intellektuellen als brillant, informiert und auf der Höhe des Zeitgeists befindlich eingeschätzt wurde.
Dann aber passierte etwas Schreckliches, ausgerechnet kurz vor dem Tag, an dem die traurige Philosophin einen Preis erhalten sollte, genannt nach einem berühmten Denker, der für seine „kritische Theorie“ und „negative Dialektik“ von allen Intellektuellen und jenen, die es sein wollten, immer über den grünen Klee gelobt worden war:

Die traurige Philosophin trampelte in ein riesengroßes Fettnäpfchen!

Obwohl sie Jüdin war, kritisierte sie Israel und seine Politik und pries deren Feinde, die Hamas und Hisbollah, als „Teil einer globalen Linken“.
„Oh my God“, dachten nun viele Intellektuelle, „wie kann das sein? Ist unsere Gender-Spezialistin etwa doch nicht so klug, wie wir gedacht haben?“ Und es entstand eine hitzige Diskussion in allen Medien darüber, ob die traurige Philosophin den Preis kriegen dürfe oder nicht.
Aber ebenso schnell, wie man sich aufgeregt hatte, beruhigten sich alle – oder fast alle – wieder. Nein, sagten die meisten, wir haben uns nicht geirrt, eine kluge Philosophin bleibt klug, auch wenn sie anstößige politische Auffassungen hat. Das muss man einfach auseinanderhalten.
Dennoch wurde im Windschatten des allgemeinen Zweifels hier und dort auch scharfe oder gar vernichtende Kritik am wissenschaftlichen Rang der traurigen Philosophin geäußert. Die Gender-Theorie jedoch blieb, bis auf wenige Ausnahmen merkwürdig unangetastet.

Und die Philosophin selbst? Sie sagte nicht etwa, dass sie Unsinn geredet habe. So etwas darf eine Philosophin, die auch in Zukunft respektiert werden möchte, niemals tun. Sie griff ganz einfach zu dem Zauberwort, das auch ein Politiker ausspricht, wenn er ein Fettnäpfchen getroffen hat: „Missverständnis“. Und sie fügte hinzu, dass sie „gegen Gewalt“ sei.

So kehrte wieder Friede ein in die Welt der Intellektuellen.

Nachwort: ich selbst habe bereits vor drei Jahren in diesem Blog zu Judith Butler und ihren Ideen, insbesondere der Gender-Theorie, kritisch Stellung genommen. Wer es nachlesen möchte, möge es tun (unter 2009 der Post vom 11. Februar).

Dienstag, 12. Juni 2012

Frühkindliche Bildung im Kinderdepot

Seit Wochen tobt der Kampf um das Betreuungsgeld, mit einem Fanatismus von den Betreuungsgeld-Gegnern geführt, angesichts dessen man sich fragt, ob es hier nicht um sehr viel mehr geht.

Die letzte Stellungnahme, wo wieder einmal so getan wird, als ob das Betreuungsgeld verhindern würde, dass Dreijährige in die Kita geschickt werden, stammt von Alex Rühle und wurde heute unter dem Titel „Lästiger Kostenfaktor auf der Krabbelstufe I“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

Alex Rühle beschließt seinen Kommentar zum Kita-Ausbau mit den Worten: „Das Betreuungsgeld soll dafür gezahlt werden, dass Eltern ihre Kinder nicht in die Kita geben. Es ist zum Heulen.“

Ja, es ist in der Tat zum Heulen. Es ist zum Heulen, dass die SZ konstant Betreuungsgeld versus Kita-Ausbau hält und damit verschleiert, dass diese Unterstützung Müttern von Kleinstkindern zugute käme, die ihren noch hilf- und, wohlgemerkt, sprachlosen (!) Kindern die Zuwendung und Geborgenheit geben möchten, die sie in diesem Alter noch brauchen. Kinder zwischen 0 und 2 Jahren brauchen keine sogenannte „frühkindliche Bildung“, was immer das sein soll; sie brauchen Liebe, Geborgenheit und die Konstanz einer liebevollen Bezugsperson.

Dass solche häusliche Betreuung von Kleinstkindern, ermöglicht durch das Betreuungsgeld, nichts zu tun hat mit der für bildungsferne Schichten sicherlich sinnvollen Förderung von Kindern ab 3 Jahren in Kitas, ist eigentlich eine Trivialität, die man aber offenbar immerzu wiederholen muss, damit sie irgendwann auch mal in den gehirngewaschenen Köpfen der liberalen Journalisten, Politiker und leider auch jungen Frauen ankommt.

Warum ignoriert die SZ statistische Erhebungen, aus denen hervorgeht, dass ein Kleinkind im Alter von einem Jahr nach mehreren Stunden in einer Krippe oder Kita den Stresspegel eines Börsenmanagers erreicht? Warum stiert man von links bis liberal-mittig mit Tunnelblick auf das eherne Gebot der Radikalfunktionalisierung aller Mütter im und durch den Beruf? Man fühlt sich auf erschreckende Weise an Michael Endes „Momo“ und die dort geschilderten „Kinderdepots“ erinnert.

Ich empfehle zur Erweiterung des vom Furor der Betreuungsgeld-Kritik möglicherweise vernebelten Horzonts die Lektüre der sehr viel ausgewogeneren Kommentare der Konkurrenz, wie z.B. den Artikel „Antibürgerlich und sozialistisch“ von Georg Paul Hefty in der FAZ vom 5.6.2012.

Was eigentlich geschehen müßte: Jungen Müttern müsste eine sehr viel längere Familien- und Kinderpause ermöglicht werden, die, gestützt durch Fortbildungs- und berufliche Halbtagsangebote in großem Stil, keine Bedrohung für den Wiedereinstieg in den Beruf darstellen würde. Ein Ausbau der beruflichen Wiedereingliederungsmöglichkeiten von jungen Frauen mit Kindern wäre viel billiger als der hektisch betriebene Kita- und Krippenausbau, und er käme nicht nur den Frauen, sondern auch und vor allem den Kindern zugute, die eben nicht schon als Einjährige in den brutalen Zeitplan eines durchfunktionalisierten Berufslebens eingespannt werden müßten.

Man sollte im übrigen auch zur Kenntis nehmen, dass im sogenannten Ausland, auf das in dieser erhitzten Debatte immer verwiesen wird, Kleinkinder keineswegs so flächendeckend und umfassend schon in Kitas gesteckt werden, wie man hier glauben soll, sondern die „frühkindliche“ Förderung in Kitas eher ab dem Alter von zwei oder auch erst drei Jahren beginnt.

Ein letztes: Es ist unverschämt und arrogant, dass man Migrations- und sozial schwachen Familien keine liebevolle Betreuung ihrer kleinen Kinder zutraut. Die Wirklichkeit sieht anders aus, und vielen jungen, mittellosen Müttern würde das Betreuungsgeld die Chance geben, für ihre kleinen Kinder solange die unersetzliche Bezugsperson zu sein, wie diese Kinder noch nicht laufen, noch nicht sprechen und sich noch nicht wehren können. Eine humane Minimalforderung im Interesse der Kinder, die eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Dienstag, 3. April 2012

Der edle Wilde. Zum 100. Todestag von Karl May

Was war eigentlich so faszinierend an Karl May? Es gab doch auch andere Autoren, die abenteuerliche Geschichten erzählten, Spannendes, Fesselndes, Romantisches, Lustiges, das man im Bücherfressalter zwischen 11 und 15 gierig verschlungen hat.
Aber Karl May hatte einen eigenen Ton, und es waren überaus edle Menschen, denen man begegnete. Menschen, wie sie nicht vorkamen im realen Leben, das sich im allmählichen Heranwachsen als verwirrend, nicht besonders attraktiv, nicht besonders edel und weder als abenteuerlich noch sonst irgendwie erhebend offenbarte.
Wie begeisternd war da der „edle Wilde“ Winnetou! Frei von allem Zivilisationsschrott, von allen Bedingtheiten des „zivilisierten“ Menschen, von dem moralischen und emotionalen Gemischtwarenladen, als den man sein eigenes unfertiges pubertierendes Ich und die Welt um sich herum wahrnahm. Ja, das war es! Ein freier, edler, kühner Geist, der den edlen Christusmythos der Kinderjahre ablöste und an seine Stelle trat. Und es mußte ein „Wilder“ sein – nur in ihm, diesem „freien“ Wesen, das nicht wie man selbst in einer fest definierten Zivilisation lebte, war – aus der noch unklaren, unreifen Erkenntnis der eigenen Bedingtheit - das absolut Edle, Gute und Schöne vorstellbar.
Dass Karl May diesen Übermenschen Winnetou sterben ließ, war logisch, und nie wieder habe ich bei einem Buch so viele Tränen vergossen wie bei Winnetous Tod. Der Begeisterung für die edle, heroische Welt Karl Mays ist nie mehr etwas Vergleichbares gefolgt. Das Lesen wurde erwachsener, die Lesewelt wurde realistischer, sie näherte sich, über Storm, Sigrid Undset, Thomas Mann und viele andere immer mehr dem „wirklichen“ Leben an.
Aber ich kann es immer noch verstehen, wenn – wie kürzlich in einer Radiodiskussion zu Karl May –ein enthusiastischer alter Herr sich hinreißen ließ, in süddeutschem Dialekt und euphorisch beschwingter Suada die Ethik, den Humor, die Spannung und die Kunst Karl Mays über den grünen Klee zu loben und zu preisen.
Danke, Karl May!

Mittwoch, 28. März 2012

Wie edel sind Sie, Frau Adler?

Offener Brief an Jutta Adler, Geschäftsführerin der Berliner Konzertdirektion Adler

Sehr geehrte Frau Adler!

Vor etwa drei Wochen habe ich Sie in einem persönlichen Brief gebeten, bei Konzerten, die von Ihrer Konzertdirektion veranstaltet werden, den Begleitpersonen von schwerbehinderten Rollstuhlfahrern eine Freikarte oder zumindest eine spürbare Ermäßigung zu gewähren – eine Freundlichkeit, zu der Sie als Privatfirma zwar nicht, wie staatliche Institutionen, durch die Gesetzgebung verpflichtet sind, die aber allgemein auch im privaten Wirtschaftssektor üblich ist.

Sie erwiderten diesen meinen Brief mit dem Anruf einer Mitarbeiterin Ihrer Konzertdirektion, die mich auf das „karitative Engagement“ von Adler in Form der Vergabe von Frei- oder ermäßigten Karten an karitative Einrichtungen aufmerksam machte und des weiteren behauptete, die in Frage stehenden Plätze seien „de facto“ ermäßigt, nämlich „eigentlich“ viel teurer, und dass es für mich aber anscheinend „netter“ sei, von einer Ermäßigung zu hören, die ja eigentlich auch vorhanden sei, nur eben nicht ausformuliert. Diese Ausführungen erwiesen sie sich bei einer genaueren Prüfung der entsprechenden Platzkategorien und der für das in Frage stehende Konzert ausgewiesenen Kartenpreise als falsch und widersprachen ohnehin der Auskunft des Mitarbeiters am Kartenschalter, der schlicht und unmissverständlich gesagt hatte, dass „Adler keinerlei Ermäßigungen für Rollstuhlfahrer und deren Begleitung“ gibt.

Ich schrieb Ihnen daraufhin ein zweitesmal und verwies zum einen darauf, dass Ihr karitatives Engagement in Hinblick auf Freikarten zwar erfreulich sei, dem individuellen Rollstuhlfahrer jedoch keinerlei Vorteile brächte, zum anderen, dass die Behauptung einer „eigentlich“ vorhandenen Preisermäßigung nicht den Tatsachen entspricht. Ferner äußerte ich noch einmal meine Bitte um einen deutlichen Preisnachlass für Schwerbehinderte und/oder deren Begleitung.

Auf diesen Brief haben Sie nicht geantwortet.

Ich finde das traurig und beschämend.

Es ist keineswegs eine Lappalie, wenn der führende Konzertveranstalter von Berlin den wenigen schwerbehinderten Rollstuhlfahrern, die in klassische Konzerte gehen möchten, nicht entgegenkommt; wenn er sich also ganz bewußt aus einer humanen Praxis ausklinkt, die generell in Deutschland (und der gesamten zivilisierten Welt) erfreulicherweise zur Norm geworden ist. Das soziale Klima einer Stadt wird nicht zuletzt durch solche Dinge bestimmt.

Ich frage mich, warum sich Adler auf die Bitte um eine Änderung dieser Preisgestaltung, die im wirtschaftlichen Gesamtvolumen einer gutverdienenden Agentur vollkommen marginal sein dürfte, in Schweigen hüllt.

Oder geht es Adler so schlecht, dass man sich Freikarten für Rollstuhlfahrerbegleitungen nicht leisten kann? Oder aber – und dieser Schluss drängt sich auf - sind Schwerbehinderte in den Konzerten von Adler nicht erwünscht, weil sie das gutbürgerliche Gesamtbild stören könnten?

Ich möchte abschließend noch bemerken, dass ich in dreißig Jahren mit einer schwerbehinderten Tochter, die mich nach Irland, Südafrika, Stuttgart, Regensburg und München führten, mit Berlins Konzertagentur Adler zum erstenmal etwas Derartiges erlebt habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Lore Brüggemann

Donnerstag, 8. März 2012

Raunende Reaktionäre

Gestern stand in der SZ unter dem Titel Zerbrochene Harmonie eine kleine Besprechung zu dem Buch „Dissonanz und Harmonie in Romantik und Moderne“ von Werner Keil (Detmolder Musikwissenschaftler).
Was der Rezensent Michael Stallknecht zusammenfassend berichtet, klingt hochinteressant: Keil entwickelt aus dem Musikbegriff der Romantiker, die "die Musik erstmals zu den Künsten statt, wie seit den antiken Pythagoräern üblich, zu den mathematischen Wissenschaften" zählten, die Theorie, dass durch diesen kategorischen Wechsel Musik einen grundsätzlich anderen Stellenwert bekam; sie sollte nicht mehr "die mathematische Ordnung des Kosmos ausdrücken, sondern Gefühle ausdrücken, das Subjektive ... statt des Überindividuellen, das Vagierende sstatt des Ewigen, das Dissonante statt des Konsonanten. Damit aber verfalle die Musik zunehmend selbst dem Irrationalismus, triumphiere die fortschreitende Emanzipation der Dissonanz (Schönberg) über die noch bei Kepler affirmierte Harmonie der Welt." Vor diesem Hintergrund sieht Keil auch die Beschäftigung vieler Komponisten der beginnenden Moderne mit gnostischen Bewegungen wie der Theosophie als Rückkehr der Mathematik in Form ihrer eigenen Parodie.
Nun beläßt der Rezensent es aber nicht bei seiner Zusammenfassung der interessanten Thesen dieses Buches. Vielmehr stößt er sich ganz offenbar an der kritischen Haltung des Autors gegenüber der klassischen Moderne. Zwar muss er zugestehen, dass das alles „formgeschichtlich …kaum widerlegbar“ sei, aber er unterstellt Keil, dass er im Verlauf seines Buches zunehmend einem „irrationalen und …ziemlich reaktionärem Raunen“ verfalle.
Den Vorwurf der Irrationalität und argumentativen Schwäche müßte der Rezensent sich allerdings selbst machen, da für seine Behauptung des irrationalen Raunens jegliche argumentative Beweisführung fehlt. Nebenbei bemerkt, sind die Begriffe „irrational“ und „Raunen“, ebenso wie die Wörter „dumpf“, „Stammtisch“, „verdruckst“, „schwurbeln“ Totschlagbegriffe aus der Mottenkiste linksliberaler Journalisten, die immer dann geschwungen werden, wenn man keine anderen Argumente parat hat.

So werde ich mir dieses reaktionäre Buch gern kaufen, ebenso wie ein in der Rezension erwähntes Buch von Alex Ross mit dem schönen Titel "The rest is noise", das der Rezensent als befremdlich bezeichnet, weil es die moderne Musik als „zwielichte Angelegenheit“ darzustellen wagt.

Solange die seit Schönberg und Adorno unantastbare musikalische Moderne ein Tabu bleibt und ihre Kritiker pauschal, ohne dass man sich die Mühe einer argumentativen Auseinandersetzung machen würde, als „raunende Reaktionäre“ verunglimpft werden, rechne auch ich mich weiterhin gern zu den reaktionären Raunern (bzw. "Raunerinnen").

Freitag, 13. Januar 2012

Ist Carolyn Christov-Bakargiev ein Mann?

Letzten Sonntag gab die derzeitige Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev der Faz am Sonntag ein Interview.
Ich zitiere zunächst einige Kernaussagen des Interviews:

Alles ist politisch, absolut alles.
Es (das Symbolische) beruht auf der gedanklichen und praktischen Arbeit eines Feminismus, der das losgelöste, in sich ruhende Wissensganze aufbrechen wollte. Er hat auch das Widersprüchliche und Ungewisse zu verstehen versucht, die Möglichkeit, daß Gegensätze sich nicht ausschließen.
Es ist feministisch, die menschliche Existenz nur als Teil einer weiter gefassten Existenz zu sehen und sich Gedanken über den Blickpunkt eines Tiers oder Steins zu machen.
Wir werden für die Documenta Apfelsaft produzieren, ich habe Bäume dafür gepflanzt. Diese Documenta beruht auf einer Reihe präziser, bescheidener, unspektakulärer Gesten, Akte und Kunstwerke.
Es geht ….darum, wie jeder Einzelne sich in einem ästhetischen und daher politischen Sinne in der Welt engagieren kann.

…wenn man …einen schönen Topf Blumen mitten in eine Schlacht versetzen würde, dann würden sie – vielleicht! – zu kämpfen aufhören.
Für mich ist Verwirrung nichts Negatives, sondern ein ausgesprochen kreativer Bereich. Klarheit ist für mich etwas Gefährliches.
Alles ist intuitiv, jede Entscheidung. Intuition heißt, ohne Argumente handeln. Sie ist eine Frage des Engagements. Ich glaube nicht wirklich an statuiertes Wissen, an Erleuchtung vielleicht.
Ich lege einen Stein hin, sehen Sie, hier ist der Stein. Das ist das eine, und das andere ist die Herstellung der Möglichkeit von Erleuchtung.


Wenn man dieses wirre Geplauder auf eine Kernbotschaft eindampft, wäre es diese: Alles ist politisch, alles ist intuitiv, Klarheit ist gefährlich, es lebe die Ursuppe und der „Blickpunkt“ der Steine. Und all dies soll sein: FEMINISTISCH.
Angesichts eines solchen krassen Feminismusbildes – das Weibliche ist wirr, unklar, unlogisch, ein breiartiges Durcheinander halbphilosophischer Schlagworte, uralter soziologischer Hüte und unausgegorener Allumfassung – drängt sich der folgende Verdacht auf: C.B.B. ist ein verkleideter sexistischer männlicher Feminismushasser, der mit diesem Gerede den Feminismus nach Art eines Undercoveragenten desavouieren möchte.
Dass dieser verkleidete Feminist eine Katastrophe für die nächste documenta wäre, kann man allerdings nicht behaupten, denn der Kunstbetrieb hat sich ohnehin längst von allen nachvollziehbaren ästhetischen Kategorien verabschiedet; es geht ja schon seit Jahrzehnten nur noch um die aberwitzigste Verrücktheit, die man als „noch nicht dagewesen“ vermarkten kann.

Alles ist zwar nicht politisch, aber alles ist Kunst, wenn sich ein Händler findet, der es vermarktet.

Dienstag, 8. März 2011

Parallel erzählen

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen."
Und man hört ihm auch gern zu? Das war einmal so, in den Zeiten, als es noch kein Fernsehen, kein Radio und keinen Massentourismus gab.

Da es aber diese schönen Dinge nun einmal gibt, ist jeder, dem man etwas erzählen möchte, schon überall gewesen. Und der Erzähler, anfangs naiv durchdrungen von der Einzigartigkeit seiner Erlebnisse - vom zumindest individuell als singulär Erlebten, läßt die Flügel seines spontanen Mitteilungsbedürfnisses schnell hängen vor der banalisierenden "Ich auch"-Mitteilsamkeit seines Zuhörers, die das Erlebnis, das gerade erzählt werden sollte, nur als Stichwort für die eigene rednerische Selbstentfaltung nutzt.

Oh bitte nein, möchte er wie der Mann aus Botho Strauß' "Paare, Passanten" ausrufen, erzählen Sie mir jetzt nicht dasselbe von Ihnen und auch nicht etwas annähernd Ähnliches, das Sie einmal erleben mußten... Schweigen Sie und verkneifen Sie sich die Parallele!

Und er merkt wieder einmal, daß die Welt letztlich nur das ist, was jeder selbst in seinem eigenen kleinen Kreis erlebt.

Einzigartigkeit des Erlebens wird nur denen zugestanden, die aufgrund einer erworbenen oder ererbten Prominenz ohnehin Einzigartigkeits-Status genießen; die Erlebnisse dieser "Prominenten" werden gierig als Besonderheiten von der zugehörigen Presse vermarktet und entsprechend rezipiert - und sind als veröffentlichtes Leben sofort der Einzigartigkeit beraubt, um deretwillen sie bewundert werden.

So sollte man sorgsam umgehen mit dem Reden über sich. Umhüllen sollte man seine kleinen persönlichen Erlebnisperlen mit dem Mantel fürsorglichen Schweigens, sie schützen vor der Banalität des "Ich auch", damit sie ihren Glanz und ihre Frische bewahren im unantastbaren Raum der persönlichen Erinnerung.

Dienstag, 22. Februar 2011

Guttenberg for president

Ich plädiere hiermit dafür, daß Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg Christian Wulff ablöst und zum neuen Bundespräsidenten gekürt wird. Ein Mann, der seinen Doktortitel durch Betrug erschwindelt hat, ist der ideale Repräsentant eines Landes, dessen Spitzenpolitiker das Vergehen unseres Verteidígungsministers folgendermaßen kommentieren (alle Zitate aus den SZ-Ausgaben der letzten Tage):

Angela Merkel: "Ich kümmere mich um die Frage: Wird er seinen Aufgaben als Verteidigungsminister gerecht? Und ich sage: ja. ... Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen."

Hierzu gibt es einen ausgezeichneten Kommentar in der SZ (22.02.2011) von Nico Fried, der zu Recht darauf hinweist, daß "Merkels Trennung des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg vom Wissenschaftler Karl-Theodor zu Guttenberg...ihrer Klugheit unwürdig" sei. "Die Verbindung zwischen der Doktorarbeit und der Ministerarbeit ist die Integrität Guttenbergs. Diese Verbindung ist so unübersehbar wie eine geschlossene Bahnschranke und so fest wie ein Achterknoten. Wenn Merkel sie ignoriert, verrät die Kanzlerin schlicht den politischen Faktor der persönlichen Glaubwürdigkeit, dem sie selbst ihre Wiederwahl mit zu verdanken hat."


Horst Seehofer: "Fehler können passieren, sie gehören zur Laufbahn eines Politikers. Es gibt keine Spitzenkarriere ohne Narben und Verwundungen." (Des weiteren führte Herr Seehofer in diesem Zusammenhang aus, daß auch er - Seehofer - Skandale überstanden habe.
Im Klartext: "Willkommen im Klub, lieber KT. Du hast bewiesen, daß du ein Schwein und somit ein fähiger Politiker bist."


Stefan Mappus (baden-württembergischer Ministerpräsident, CDU): "Wir haben in diesem Land - und in Afghanistan - wahrlich andere Sorgen als die Frage, ob die Fußnoten einer Doktorarbeit richtig gesetzt sind."

Kommentar erübrigt sich.

Peter Altmaier (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und Präsident der überparteilichen Europa-Union in Deutschland) verkündet, daß "die CDU/CSU-Fraktion in großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers in diesen beiden Jahren steht. Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssen getrennt werden, um die Universität Bayreuth nicht unter Druck zu setzen."

Besonders dreist. Dieser Mensch glaubt also allen Ernstes, er oder irgendein anderer seiner Politbrüder könne eine unabhängige wissenschaftliche Institution unter Druck setzen. Wie großzügig, daß er darauf besteht, daß man dies doch netterweise nicht tun solle.

Zum Schluß noch ein Sahnehäubchen aus der oberfränkischen Provinz Kulmbach, der Heimat unseres feinen Freiherrn, das uns Christine Flauder, stellvertretende Kulmbacher Landrätin, übrigens SPD, geschenkt hat:
"Er will es halt immer besonders gut machen,
dann passiert so was eben."